DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Christlicher Orient und Byzanz

Harald Gropp:
Orientalistik und Mathematik(geschichte) - zum Beispiel der Bamberger Jesuit Christoph Clavius

Der 28. Deutsche Orientalistentag steht unter dem Motto "Orientalistik zwischen Philologie und Sozialwissenschaft". Einige der hier vertretenen Wissenschaften sind vor allem philologisch definiert und orientiert, andere vor allem geographisch oder theologisch. So wie der sozialwissenschaftliche Aspekt oft nicht genügend berücksichtigt wird, kommt wohl noch häufiger der mathematische und naturwissenschaftliche Anteil in diesen Fächern zu kurz. Dies ist weniger bedingt durch das mangelnde Interesse der orientalischen Kulturen selbst an diesen Wissenschaften. Es liegt eher an einer ziemlich starken Trennung der Disziplinen in unserer modernen europäisch-nordamerikanisch geprägten heutigen Wissenschaft.
Hier soll besonders die Beziehung der Mathematikgeschichte zu einigen orientalischen Disziplinen diskutiert werden und am besonderen Beispiel des kulturellen Einflusses auf Europa dargestellt werden. Während dabei die Rolle von z.B. Ägypten, des Alten Orients, Indiens und vor allem der islamischen Welt öfter, wenn auch nicht häufig genug, untersucht wird, scheint mir der Kultureinfluß der byzantinischen Welt und der Länder des christlichen Orients auf Europa vor allem in West- und Mitteleuropa besonders wenig im Blickpunkt zu stehen.
Es soll hier an wenigen Beispielen das "schwierige" Verhältnis von Mathematikgeschichte und einigen orientalischen Fächern dargestellt werden. Dabei soll ein besonderer Schwerpunkt liegen auf der Diskussion eines Bamberger Wissenschaftlers, des Jesuitenmathematikers und -astronomen Clavius. Christoph Clavius wird 1538 (oder 1537) in Bamberg geboren. Er reist 1555 nach Rom und tritt in den Jesuitenorden ein. Clavius lernt unter anderem auch in Coimbra, vor allem aber in Rom. Neben vielen anderen Dingen ist Clavius bekannt als der führende Wissenschaftler der Kalenderreform von Papst Gregor XIII. im Jahre 1582. Clavius stirbt am 6.2.1612 in Rom.
Es ist besonders zu untersuchen, ob und wie orientalische Einflüsse bei der Kalenderreform eine Rolle spielten. Wichtig in diesem Zusammenhang sind der Aufenthalt von Clavius in Coimbra und die Teilnahme von zwei "Exoten", eines Maltesers und eines Syrers, in der Kalenderreformkommission. Der gregorianische Kalender hat zunächst das katholische Europa, aber früher oder später das ganze Europa und große Teile der übrigen Welt "erobert".
Die Beziehung zwischen Orientalistik und Mathematikgeschichte, diskutiert am Beispiel von Clavius, scheint mir in Bamberg, dem Geburtsort von Clavius, im März 2001, also wenige Wochen nach Beginn des 3. Jahrtausends, ein geeignetes und interessantes Thema zu sein, wenn vielleicht auch für einen Orientalistentag eher ungewöhnliches.

Stand 21. Februar 2001