DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Indologie


Gabriella Eichinger Ferro-Luzzi:
Die glückbringende keusche und verstoßene Ehefrau in der schriftlichen und mündlichen Tamilenliteratur

Das Referat untersucht in tamilischen Kurzgeschichten, Romanen, Hörspielen und Volkserzählungen drei Ausdrücke für die verheiratete Frau, die im Westen nichts ihres Gleichen haben. Indem ein Mann ein Mädchen heiratet, verwandelt er sie nicht nur in eine Frau mit einem höheren sozialen Status als die Unverheiratete, sonder schenkt ihr auch das (wahre) Leben. Die Schriftsteller beschreiben den dramatischen Ritus (mankalya piccai), in dem die Frau um das Leben ihres schwer kranken Mannes bettelt, und den undramatischen vorbeugenden Ritus (cumankali pirattanai). Sie behandeln auch die Tragödie der Frau, die zu Recht oder Unrecht für eine unglückbringende Witwe gehalten wird. Während der verheirateten Frau ihr glückbringender Status verliehen wird, erringt sie den der pattini, der absolut treuen und ergebenen Frau durch ihre eigene Anstrengung. "Das Lied vom Fußreif" (Cilappatikaram), das etwa im 5. Jh. n. Chr. verfaßt wurde, berichtet von der beispielhaften pattini namens Kannaki. Es verherrlicht sowohl ihre Treue und Ergebenheit wie ihre dadurch gewonnene übernatürliche Macht. In der modernen Literatur besteht die Macht der pattini vor allem darin, ihren Mann auf den rechten Weg zurückzuführen. Das Gegenstück der pattini ist die valavetti, die Frau die nicht lebt, weil sie entweder von ihrem Mann verstoßen oder verlassen wurde oder ihn aus eigenem Antrieb verließ. Die Schwere des sozialen Stigmas, das auf einer valavetti liegt, ist z.B. daraus ersichtlich, daß eine Frau in einer Kurzgeschichte meint, im Vergleich zu ihr sei das Los der Witwe besser und eine Frau in einer Volkserzählung bereit wäre ihre Keuschheit zu opfern, um nicht von ihrem Mann verstoßen zu werden. Im Gegensatz zur Göttin Sakti und der Frau als sakti, deren Macht autonom ist, hängt die positive Macht der cumankali und pattini und die negative der Witwe und valavetti von ihrem Ehemann ab. Indem die pattini sich zwingt, völlig unterwürfig zu sein, kann sie die Macht erhalten, ihren Mann und Gott zu retten in einem Paradoxon wie es wohl nur in der indischen Kultur zu finden ist.

Stand 11. Februar 2001