DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Indologie

Siegfried Kratzsch: Theodor Aufrechts "Blüthen aus Hindustan"

1873 erschien in Bonn bei Adolph Marcus "Blüthen aus Hindustan. Gelesen von Theodor Aufrecht", die einzige populäre Schrift des deutschen Indologen Theodor Aufrecht (1822- 1907). Äußerlich ist dies eine Sammlung von Aufrecht verfasster deutscher Gedichte indischen Inhalts, auf vier Sträuße ("Liebe und Leben", "Dichten und Weben", "Scherz und Ernst", "Gott und Welt") verteilt, und deshalb wurde das Buch von einem Dichterkollegen, dem Lyriker und Übersetzer aus dem Italienischen und Flämischen Albert Möser (1835-1900) in der Zeitschrift "Blätter für literarische Unterhaltung" (Jahrgang 1874) unter der Rubrik "Neue Lyrik" besprochen. Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die Gedichte, die sich ja auch als Blütenlese geben, allerdings als Nachdichtungen poetischer Sanskritsprüche, denen freilich keinerlei Quellenhinweise beigegeben sind. Eine kurze treffende indologische Würdigung des Werkes gab erst Hermann Jacobi (1850-1937), Aufrechts Lehrstuhlnachfolger an der Bonner Universität, in seinem Nekrolog auf Theodor Aufrecht im 13. Band des Biographischen Jahrbuchs (Berlin 1910, S. 326-332). Meine Absicht ist es, durch Materialien für den bis jetzt fehlenden wissenschaftlichen Apparat das Interesse der Indologen auf dieses Werk zu lenken und dazu beizutragen, dass es, zumindest unter deutschen Indologen, denselben Bekanntheitsgrad bekommt wie "Poems from the Sanskrit" von John Brough (Penguin Books 1968). Wie bereits Jacobi mitteilt, ist ein Teil der Übersetzungen schon vorher in Aufsätzen Aufrechts in der ZDMG zusammen mit dem erstmals aus den Handschriften veröffentlichten Originaltext herausgegeben worden. Es handelt sich um Handschriften von Sarngadharas Paddhati, Bhojas Sarasvatikanthabharana und Dandins Kavyadarsa. Alle drei Werke wurden nach dem Erscheinen der "Blüthen aus Hindustan" gedruckt: Sarngadharas Paddhati von Peter Peterson (Bombay Sanskrit Series 37, Bombay 1888, Bhojas Sarasvatikanthabharana von Pandit Durgaprasad und W. L. Sh. Pansikar (Kavyamala 94, Bombay 1925), Dandins Kavyadarsa von Otto Böhtlingk (Leipzig 1890 mit deutscher Prosaübersetzung). Es ist daher möglich, Aufrechts oft ungenaue Herkunftsangaben nach diesen Ausgaben zu präzisieren. Die Aufsätze Aufrechts sind: "Zwei Panini zugetheilte Strophen" (ZDMG 14,581-582), "Auswahl von unedirten Strophen verschiedener Dichter" (ZDMG 16,749-751; 25,238-241 und 455-462) und "Ueber die Paddhati von <;amgadhara" (ZDMG 27, 1-120). Die Sprüche der beiden erstgenannten Aufsätze, die nur aus Text, Nachdichtung und eventuell kurzer Erörterung von Sprüchen bestehen, sind im Text vollständig in die zweite Auflage von Otto Böhtlingks Indischen Sprüchen (St. Petersburg 1870-1873) aufgenommen und mit prosaischen Übersetzungen Böhtlingks versehen worden. Der dritte Aufsatz verzeichnet alle mit Verfassernamen versehenen Sprüche von Sarngadharas Paddhati, bringt aber nur von einigen von ihnen den vollständigen Text mit prosaischer oder poetischer Übersetzung. In die "Blüthen aus Hindustan" sind fast alle poetischen Übersetzungen erstgenannten Aufsätze, aus dem dritten einige poetische übernommen, auch von den in diesem Aufsatz prosaisch übersetzten findet man in unserer Sammlung einige Nachdichtungen. An einer Stelle dieses Aufsatzes gibt Aufrecht den Text und die Quelle einer Übersetzung in den "Blüthen aus Hindustan" an. Ich habe mich bemüht, die nicht aus Aufrechts Aufsätzen zu ermittelnden Original-Sanskritsprüche ebenfalls zu ermitteln. Das ist mir nicht vollständig gelungen, so dass mein Vortrag der Ergänzung bedarf. Vielleicht bewahrheitet sich ja auch Mösers Vermutung, "dass der Verfasser manches im indischen Geiste gehaltenes Kind seiner eigenen Muse mit eingeschmuggelt hat, wenigstens paßt manches Gedicht ganz ausgezeichnet auf europäische und speciell deutsche Verhältnisse". Erst der Vergleich der "Blüthen aus Hindustan" mit den Originaltexten ermöglicht ein Urteil über Übersetzungsmethoden und Übersetzungsleistung Aufrechts. Metrisch gibt es zwei Möglichkeiten: entweder wird versucht, das Originalmetrum im Deutschen nachzubilden, oder eine deutsche Strophenform wird verwendet. Beide Methoden wendet Aufrecht bei verschiedenen Gedichten an.

Stand 28. Februar 2001