DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Indologie

Mirella Lingorska
Der Zirkel des Verstehens am Beispiel einer klassischen indischen Dichtungslehre

Die Identifikation und Definition von artifiziellen Objekten als Kunstwerken erlangt in der heutigen vielfältigen Kunstpraxis einen spezifischen logischen Status infolge ihrer sogenannten "doppelten Bürgerschaft" - einerseits als Gegenstände der direkten Wahrnehmung in der physischen Welt und andererseits als ästhetische, interpretierbare Entitäten in der Kunstwelt. Angesichts dieses ambivalenten Charakters der Kunstinhalte erheben sich Fragen nach der Möglichkeit und den Bedingungen einer kunstbezogenen Kommunikation, nach der Konstituierung des entsprechenden Sprachgebrauchs und der Bezugnahme der Haupttermini: "Kunst", "Kunstobjekt", "Kunsterfahrung", "Künstler" und damit verbunden: "ästhetische Erfahrung", "ästhetische Emotion", "Kunstrezipient", "Connaisseur". Diese durch die Spezifik des Diskurses ohnehin erschwerte Situation wird umso komplizierter bei einer Kunstart, die einer fremden Kultur entspringt, da man als Außenstehender ausschließlich auf das kultureigene Interpretationsangebot angewiesen ist.
Vor diesem allgemeinen hermeneutischen Hintergrund sei also eine indische klassische Dichtungstheorie untersucht, die Kriterien zur Erkennung wahrer Dichtung zu bieten beansprucht. Der Text - bekannt unter den Namen Dhvanyàloka oder Sahdayàloka - stammt aus dem 9. Jh. und wird dem kaschmirischen Philosophen und Dichter ânandavardhana zugeschrieben.
Das ausdrückliche theoretische Interesse ânandas gilt dem Kunstwerk in der Dichtung (kàvya). Sein Ziel ist die Herstellung einer soliden objektiven Grundlage für die Intuition und die ästhetischen Urteile des Kunstpublikums. Im Gegensatz zum heutigen in der westlichen Kunstphilosophie weit verbreiteten Definitionsskeptizismus bezüglich kulturemergenter Phänomene wird die prinzipielle Definierbarkeit von Dichtung weder vom Autor noch von den Opponenten der Theorie angezweifelt. Die Meinungsverschiedenheiten betreffen lediglich das Definiens (lakùaõa) der anzustrebenden essentialistischen Definition. ânanda stellt eine indirekte Methode vor, indem er ein substantielles Kriterium (dhvani) für echte Dichtung einführt und dieses durch eine vyàpti-Definition, also gemäß einer notwendigen und einer hinreichenden Bedingung festlegt. Nach dem vyàpti-Modell darf das Definiens weder in einem anderen Bereich außerhalb des Definiendums vorkommen, noch in einem Teil des Definiendums fehlen. Inhaltlich ist die Definition des substantiellen Kriteriums dhvani pragmatisch-semantischen Typs, weil sie als Definiens eine semantische Kategorie - den suggerierten Sinngehalt vyajanà - festlegt, dieses jedoch zwei weiteren pragmatischen Bedingungen unterordnet: erstens soll der suggerierte Sinngehalt (vyaïgya) in bezug auf den expliziten Sinngehalt (vàcya), auf dessen Basis er gewonnen wird, eine Vorrangigkeit (pradhànyam) aufweisen und zweitens soll er einen größeren Reiz (càrutvatà) besitzen. Diese zwei Bedingungen hängen jedoch ausschließlich von der relativen Einschätzung und dem Geschmacksurteil des Rezipienten ab. Die Entscheidung über diese zwei Bedingungen, die nicht mehr objektiv aus den Ausdrücken des Gedichts hervorgeht, unterliegt somit entweder einer arbiträren Auswahl oder einer Determinierung durch die traditionelle Praxis der entsprechenden Kunst oder durch eine normative Kunstwissenschaft. Dadurch wird dhvani jedoch als Kriterium für wahre Poesie entweder zu einem intuitiven bzw. arbiträren oder zu einer theorieabhängigen Entität, d.h. er wird entweder auf ein rein willkürliches Geschmacksurteil reduziert oder an ein persuasorisches Normensystem eines kontrollierenden und leitenden Wissens (àstra) gebunden. Da jedoch die Willkür von Werturteilen prinzipiell vermieden wird bzw. im Fall unserer Theorie explizit abgelehnt wurde, enthüllt sich die Verwurzelung des vorgestellten Identifikationsmechanismus in einem bereits bestehenden Kunstbegriff, der erst aus dem Umgang mit bereits bestehenden Kunstobjekten und einem präformierten ästhetischen Bewusstsein gewonnen wird. Andererseits ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die normative Kraft dieser Theorie die Bildung und Verfeinerung des ästhetischen Geschmacks beeinflusst, so dass im Endeffekt die funktionierende Kunstpraxis die Theorie mit Inhalt und die raffinierte Theorie die Kunst mit Einsicht versieht. Aus diesem wechselseitigen Zusammenhang her lässt sich Anandas Theorie als eine wohl unexplizit institutionalistische "artworld"-Theorie charakterisieren, die im eigentlichen Sinne nur in den Gruppen der Experten (sahdaya) zufriedenstellend angewendet werden kann und somit auch den typischen Zirkel des Verstehens beinhaltet.

Stand 11. Februar 2001