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Indologie |
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Mirella Lingorska
Die Identifikation und Definition von artifiziellen Objekten als Kunstwerken erlangt in der heutigen vielfältigen
Kunstpraxis einen spezifischen logischen Status infolge ihrer sogenannten "doppelten Bürgerschaft" - einerseits als
Gegenstände der direkten Wahrnehmung in der physischen Welt und andererseits als ästhetische, interpretierbare
Entitäten in der Kunstwelt. Angesichts dieses ambivalenten Charakters der Kunstinhalte erheben sich Fragen nach
der Möglichkeit und den Bedingungen einer kunstbezogenen Kommunikation, nach der Konstituierung des entsprechenden
Sprachgebrauchs und der Bezugnahme der Haupttermini: "Kunst", "Kunstobjekt", "Kunsterfahrung", "Künstler" und
damit verbunden: "ästhetische Erfahrung", "ästhetische Emotion", "Kunstrezipient", "Connaisseur". Diese
durch die Spezifik des Diskurses ohnehin erschwerte Situation wird umso komplizierter bei einer Kunstart, die einer
fremden Kultur entspringt, da man als Außenstehender ausschließlich auf das kultureigene Interpretationsangebot
angewiesen ist.
Stand 11. Februar 2001
Der Zirkel des Verstehens am Beispiel einer klassischen indischen Dichtungslehre
Vor diesem allgemeinen hermeneutischen Hintergrund sei also eine indische klassische Dichtungstheorie untersucht,
die Kriterien zur Erkennung wahrer Dichtung zu bieten beansprucht. Der Text - bekannt unter den Namen Dhvanyàloka
oder Sahdayàloka - stammt aus dem 9. Jh. und wird dem kaschmirischen Philosophen und Dichter ânandavardhana
zugeschrieben.
Das ausdrückliche theoretische Interesse ânandas gilt dem Kunstwerk in der Dichtung (kàvya). Sein
Ziel ist die Herstellung einer soliden objektiven Grundlage für die Intuition und die ästhetischen
Urteile des Kunstpublikums. Im Gegensatz zum heutigen in der westlichen Kunstphilosophie weit verbreiteten
Definitionsskeptizismus bezüglich kulturemergenter Phänomene wird die prinzipielle Definierbarkeit von
Dichtung weder vom Autor noch von den Opponenten der Theorie angezweifelt. Die Meinungsverschiedenheiten
betreffen lediglich das Definiens (lakùaõa) der anzustrebenden essentialistischen Definition. ânanda stellt eine
indirekte Methode vor, indem er ein substantielles Kriterium (dhvani) für echte Dichtung einführt und dieses
durch eine vyàpti-Definition, also gemäß einer notwendigen und einer hinreichenden Bedingung festlegt.
Nach dem vyàpti-Modell darf das Definiens weder in einem anderen Bereich außerhalb des Definiendums
vorkommen, noch in einem Teil des Definiendums fehlen. Inhaltlich ist die Definition des substantiellen Kriteriums
dhvani pragmatisch-semantischen Typs, weil sie als Definiens eine semantische Kategorie - den suggerierten
Sinngehalt vyajanà - festlegt, dieses jedoch zwei weiteren pragmatischen Bedingungen unterordnet: erstens
soll der suggerierte Sinngehalt (vyaïgya) in bezug auf den expliziten Sinngehalt (vàcya), auf dessen Basis
er gewonnen wird, eine Vorrangigkeit (pradhànyam) aufweisen und zweitens soll er einen größeren
Reiz (càrutvatà) besitzen. Diese zwei Bedingungen hängen jedoch ausschließlich von der relativen
Einschätzung und dem Geschmacksurteil des Rezipienten ab. Die Entscheidung über diese zwei
Bedingungen, die nicht mehr objektiv aus den Ausdrücken des Gedichts hervorgeht, unterliegt somit entweder einer
arbiträren Auswahl oder einer Determinierung durch die traditionelle Praxis der entsprechenden Kunst oder durch
eine normative Kunstwissenschaft. Dadurch wird dhvani jedoch als Kriterium für wahre Poesie entweder zu
einem intuitiven bzw. arbiträren oder zu einer theorieabhängigen Entität, d.h. er wird entweder
auf ein rein willkürliches Geschmacksurteil reduziert oder an ein persuasorisches Normensystem eines kontrollierenden
und leitenden Wissens (àstra) gebunden. Da jedoch die Willkür von Werturteilen prinzipiell vermieden wird
bzw. im Fall unserer Theorie explizit abgelehnt wurde, enthüllt sich die Verwurzelung des vorgestellten
Identifikationsmechanismus in einem bereits bestehenden Kunstbegriff, der erst aus dem Umgang mit bereits
bestehenden Kunstobjekten und einem präformierten ästhetischen Bewusstsein gewonnen wird. Andererseits ist
es nicht von der Hand zu weisen, dass die normative Kraft dieser Theorie die Bildung und Verfeinerung
des ästhetischen Geschmacks beeinflusst, so dass im Endeffekt die funktionierende Kunstpraxis die Theorie
mit Inhalt und die raffinierte Theorie die Kunst mit Einsicht versieht. Aus diesem wechselseitigen
Zusammenhang her lässt sich Anandas Theorie als eine wohl unexplizit institutionalistische "artworld"-Theorie
charakterisieren, die im eigentlichen Sinne nur in den Gruppen der Experten (sahdaya) zufriedenstellend
angewendet werden kann und somit auch den typischen Zirkel des Verstehens beinhaltet.