DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Indologie

Annemarie Mertens:
Soziale Identität im Hinduismus aus sozialpsychologischer Perspektive

Soziale Identität im Hinduismus wird vor allem durch nationale und regionale Identität, durch die Zugehörigkeit zu den Kasten, Berufs- und Dorfgemeinschaften, Familienverbänden und zu den religiösen Gruppen konstituiert. Eine Reihe von Studien hat sich unter verschiedenen Fragestellungen mit der Identität in der hinduistischen Gesellschaft beschäftigt (z.B. W. Halbfass, P. Schreiner). Der Focus dieses Referats liegt auf der Konstruktion von sozialer Identität in dem Text einer sich etablierenden religiösen Gruppierung, den Krishna-Bhaktas.
Das Bhagavatapurana enthält zahlreiche Informationen über die Religionsstreitigkeiten des hinduistischen Mittelalters: Im Zentrum dieses anonymen vishnuitischen Lehrtextes steht die Krishna-Bhakti, die durch ihre ‚Reformbestrebungen' zwangsläufig in Konflikt gerät mit der bestehenden Gesellschaftsordnung sowie den anderen religiösen Ausrichtungen, eine Situation, die bemerkenswerte Abgrenzungsstrategien erforderlich macht.
Um die Entstehung, Funktion und Ausprägung der sozialen Identität der Krishna-Bhaktas im Kontext dieser religiösen Auseinandersetzung untersuchen zu können, stützt sich der Beitrag auf einen sozialpsychologischen Interpretationsansatz, die von H. Tajfel konzipierte Social Identity Theory of Intergroup Behavior (SIT). Für die Erklärung und Interpretation des Verhaltens zwischen sozialen Gruppen, sozialer Konflikte und sozialen Wandels verknüpft diese Theorie drei eigenständige psychische Vorgänge: Soziales Kategorisieren (samt den daraus resultierenden Stereotypen), die Selbstbewertung anhand sozialer Identität und den sozialen Vergleich.
Diesem Schema folgend wird ein ausgewählter Textabschnitt des Bhagavatapurana (BhaP 4.2) mittels Inhaltsanalyse auf folgende Fragen hin untersucht: In welche unterscheidbaren Personengruppen wird die religiös-soziale Umwelt ‚Hinduismus' vom Standpunkt der Krishna-Bhaktas aus gegliedert? Welche Merkmale der eigenen Religionsgruppe werden denen der konkurrierenden Religionsgruppen gegenübergestellt? Auf welchen Vergleichsdimensionen beruht dieser soziale Vergleich?
Die Anwendung der Theorie der sozialen Identität beschränkt sich bisher überwiegend auf aktuelle Fragestellungen und Forschungsfelder, auf empirische Untersuchungen beobachtbaren Verhaltens. Daher erfordert ihre Übertragung auf einen Text (der ‚konservierte' Teil eines Kommunikationsprozesses) als Untersuchungsobjekt abschließend Reflexionen darüber, ob und inwiefern diese sozialwissenschaftliche Theorie ein auch für die Analyse von Gruppenverhalten (weit) zurückliegender Epochen anderer Kulturkreise vielversprechendes Konzept darstellt und welche Einschränkungen und Modifikationen nötig sind.

Stand 11. Februar 2001