DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Iranistik

Anja Pistor-Hatam:
Hamkārān-e farhangī: Iranische Intellektuelle und die Kultur

Seit der Diskussion um die Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts in Deutschland wird hierzulande wieder heftig um den Kulturbegriff gerungen. Norbert Elias zeigte bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, daß der Begriff "Kultur" im Deutschen eine Selbstinterpretation darstellt, die in erster Linie den Stolz auf die eigenen Leistungen und das sogenannte "eigene Wesen" zum Ausdruck bringt. Offensichtlich in Fortsetzung der von Elias festgestellten Selbstinterpretation begreift das in der deutschen Debatte vorherrschende Kulturkonzept "Kultur" in einem statischen Sinne als geschlossene Identität, als etwas Authentisch-Gemeinsames. Diesem statischen Kulturbegriff wird allerdings vielfach die These von der Prozeßhaftigkeit von Kultur und die radikale Pluralität als Grundverfassung der zeitgenössischen Gesellschaft entgegengesetzt. Zudem wird Kultur in einem weiteren Sinne als "Aneignung der Welt durch den Menschen" definiert, wodurch sie zwangsläufig Teil eines Prozesses von hoher Dynamik ist.
Hinsichtlich der Vertretung kultureller Konzepte und Begriffe bieten sich Intellektuelle als Produzenten von Realität an, die anderen die notwendigen Instrumente für ihr eigenes Begreifen und Agieren zur Verfügung stellen. Intellektuelle haben nach Max Weber einen speziellen Zugang zu den kulturellen Werten einer Gemeinschaft zu, weshalb sie auch deren Führung übernehmen.
Im Iran der Ära Pahlavi gelang es den beiden Schahs trotz vieler Versuche nicht, eine kulturelle Hegemonie zu schaffen, die ihnen im Gramscischen Sinne als Herrschaftsinstrument hätte dienen können. Welche Kulturkonzepte standen dem entgegen? Und wer waren die iranischen Intellektuellen, die als "Kulturschaffende" alternative kulturelle Konzepte und Begriffe zu der von den Schahs und ihren Regierungen konstruierten kulturellen Identität der Iraner entwarfen? Wie sahen ihre Kulturkonzepte aus - eher statisch oder eher dynamisch, eher beschränkt auf eine "Hochkultur" oder in einem soziologischen Sinne als "die Gesamtheit aller Lebenserscheinungen und Lebensbedingungen" (Max Weber)?

Stand 11. Februar 2001