DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Iranistik

Lutz Rzehak:
Geschichtengrammatiken: Das Erzählen über Heilige und ihre Gräber in Nordafghanistan

In Balch, so weiß die Überlieferung zu berichten, gibt es 99 Gräber von Heiligen, die mit den Anfängen des Islam verbunden sein sollen. Gäbe es eins mehr, wären es hundert Gräber, und dann müßten die Moslems, so heißt es weiter, nach Balch pilgern anstatt nach Mekka. Nicht nur weil sich in Mazar-e Sharif ein Grabmal von Ali befindet, zu dem jedes Jahr zum Neujahrsfest Menschen aus ganz Afghanistan pilgern, sondern auch wegen der hohen Zahl an anderen Heiligengräbern, die sich einer überregionalen Popularität erfreuen, wird die Gegend von Balch in Afghanistan als heilig angesehen.
Bei einer ersten Bestandsaufnahme wurden 1996 annähernd zwei Dutzend solcher Heiligengräber in Nordafghanistan aufgesucht und Erzählungen über ihre Geschichte, Bedeutung und die damit verbundenen Riten gesammelt. Dabei handelt es sich vorwiegend um mündliche Berichte. Nur in wenigen Fällen konnten Dokumente mit Stammbäumen des oder der jeweiligen Heiligen oder Urkunden zur Einrichtung eines Heiligengrabes und zur Regulierung seines Betriebs ausfindig gemacht werden.
Im Vortrag soll das (mündliche) Erzählen über solche Heilige und ihre Grabstätten unter narrologischen Gesichtspunkten analysiert werden. Dabei will ich versuchen, die Frage zu beantworten, unter welchen situativen Determinanten und mit welchen Mitteln dieses Erzählen zur Generierung von ausgeprägten Geschichtenstrukturen führt. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen dem Erzählen über etablierte Heilige und ihre Grabstätten und dem Erzählen über unlängst verstorbene Personen und ihre Grabstätten, deren Etablierung als Heilige sich zum Zeitpunkt der Untersuchung gerade vollzog. Ich werde mich in meinem Vortrag im Wesentlichen auf das Erzählen über etablierte Heilige und ihre Grabstätten beschränken und dabei den Aufbau beschreiben, der beim Erzählen aus einzelnen Strukturelementen eine Geschichte erzeugt. Analog zu dem Regelsystem zur Satzerzeugung werden Strukturmodelle für Geschichten konstruiert, deren Regeln sowohl Vorgaben für das Auftreten und die Aufeinanderfolge von Strukturelementen als auch für die inhaltlichen (semantischen) Verbindungen zwischen Strukturelementen umfassen. Dieses Regelsystem lässt sich als Geschichtengrammatik beschreiben.

Stand 11. Februar 2001