DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
[Hauptseite] [Islamwissenschaft] [Panels]  
 
Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Islamwissenschaft

Raoul Motika:
Entwicklungstendenzen des Islams in Tatarstan

Unter der Zarenherrschaft entsprangen dem tatarischen Islam innovative Neuerungsbewegungen mit großer Ausstrahlungskraft. Diese Entwicklung wurde während der Sowjetherrschaft brutal unterbrochen. Ab den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts veränderten sich die Rahmenbedingungen für alle Religionen im sowjetischen Raum grundlegend. Dies galt besonders für den Islam, da neben einem enorm gewachsenen Interesse an Religion, "Ethnogenese" und Nationalgeschichte, nun auch wieder die gekappten Verbindungen in die außersowjetische islamische Welt aufgebaut werden konnten. Entgegen den Wünschen vieler (säkularisierter) tatarischer Intellektueller war es allerdings kaum möglich, wieder an die Neuerungsbewegungen der Vergangenheit anzuknüpfen. Die islamischen "Aktivisten", sowohl diejenigen aus den sowjet-islamischen Strukturen wie auch die "Neumuslime", müssen sich jetzt in einer fast gänzlich säkularisierten Gesellschaft bewegen, die Religion zwar durchaus als sinnstiftendes Element des postsowjetischen Lebens ansieht, aber einen gänzlich anderen Hintergrund als die traditionalistische tatarische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bildet.
Der postsowjetische Islam stand also in Tatarstan - wie in den meisten anderen postsowjetischen Gesellschaften - vor einem zweifachen Problem: Erstens muß für den Islam missioniert werden, d.h. religiöse Kenntnisse und schariatsgemäße Verhaltensweisen müssen bekannt gemacht und verbreitet werden. Zweitens müssen neue personelle und administrative Strukturen entwickelt werden, die diese Aufgaben bewältigen können und die die religiösen Bedürfnisse der bekehrten Bevölkerungsteile, vor allem was die "Übergangsriten" betrifft, erfüllen können.
Da aus einer komplexen Gemengelage heraus nationalistische und islamische Bewegungen in Tatarstan weit enger miteinander verbunden sind als beispielsweise in Aserbaidschan, entwickelten sich mit der eigenständigen islamischen Verwaltung in Kazan auch bald republikseigene Strukturen. Diese standen was die Frage der Kontrolle über die neuentstandenen knapp 1.000 Moscheen betrifft in heftiger Konkurrenz mit den aus sowjetischer Zeit weiterexistierenden offiziellen Islam-Strukturen mit dem Möfti für das europäische Rußland und Sibirien in Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostans. Im Februar 1998 schlossen sich auf einem Vereinigungskongreß die meisten Moscheen Tatarstans der Kazaner Verwaltung an. Der "Nationalisierungsprozeß" schlägt sich auch im derzeit entstehenden islamischen Bildungssektor nieder, aus dem (auf staatlichen Druck hin) ausländische - meist arabische - Religions- und Arabischlehrer verdrängt werden. Inzwischen ist eine dritte Stufe erreicht, und zwar die Expansion der republikstatarischen islamischen Strukturen über die Landesgrenzen hinaus, was sich beispielsweise in der religiösen Anbindung tatarischer Gemeinden in anderen Teilen der Russischen Föderation an die Kazaner Religiöse Verwaltung oder in der Gründung einer Russischen Islam-Universität in Kazan ausdrückt.
Der Vortrag basiert auf zwei mehrwöchigen Forschungsaufenthalten und der Auswertung breiter Literatur- und Zeitungsbestände aus Tatarstan.

Stand 11. Februar 2001