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Islamwissenschaft |
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Johanna Pink:
Religion in der öffentlichen Ordnung Ägyptens: Reaktionen auf neue ReligionsgemeinschaftenIn Ägypten existieren zahlreiche wenig bekannte jüngere Religionsgemeinschaften, deren Zugehörigkeit zu einer der drei in der islamischen Theologie anerkannten Offenbarungsreligionen zumindest fraglich ist. Dazu gehören der Baha'i-Glaube, der sich als unabhängige Weltreligion betrachtet, die Ahmadiyya, die von sunnitischen Rechtsgelehrten als nicht islamisch eingestuft wird, die Zeugen Jehovas, Adventisten und Mormonen, die aus Sicht der koptisch-orthodoxen Kirche und der meisten übrigen christlichen Kirchen nicht christlich sind, und zahlreiche kleine Religionsgemeinschaften um einen charismatischen Führer mit dem Anspruch, einen besonderen, oft prophetischen Zugang zur göttlichen Offenbarung zu haben.
Die Reaktionen auf diese Religionsgemeinschaften, deren Mitgliederzahl von einigen Dutzend bis zu mehreren tausend reicht, liefern Erkenntnisse über die Rolle, die religiöse Denkweisen für die in Ägypten vorherrschende Konzeption von der Rolle der Religion in der Rechts- und Gesellschaftsordnung spielen. Diese religiösen Denkweisen können auf Vorschriften des religiösen Rechts oder auf theologischen Diskursen (sowohl des Islams als auch christlicher Kirchen) beruhen; es kann sich aber auch um eher vage moralische Vorstellungen von der Abgrenzung zwischen Verbotenem und Erlaubtem handeln. Sie wirken sich in vieler Hinsicht auf den Umgang mit neuen Religionsgemeinschaften aus. Im Vordergrund stehen sollen hier rechtliche Aspekte sowie die Darstellung neuer Religionsgemeinschaften in Presse und Literatur. Den Kern der Untersuchung bildet dabei die Frage nach den Grenzen der Religionsfreiheit und nach deren juristischer, religiöser und moralischer Grundlage. Die überwiegende Mehrheit muslimischer ägyptischer Stellungnahmen übernimmt dabei die Kategorien des islamischen Rechts für akzeptierte und verbotene Formen der Religiosität und überträgt diese in das moderne ägyptische Recht, ohne damit notwendigerweise den Wunsch nach Anwendung der in der Scharia vorgesehenen Rechtsfolgen zu implizieren. Das in den internationalen Menschenrechtskonventionen verankerte Verständnis von Religionsfreiheit, das auf einer neutralen Definition des Religionsbegriffs beruht, wird meist abgelehnt. Allerdings gibt es durchaus Vertreter von Gegenpositionen, die jedoch nur in wenigen Fällen in die Öffentlichkeit gegangen sind und Debatten ausgelöst haben.
Der Frage nach dem Umgang der ägyptischen Gesellschaft mit neuen Religionsgemeinschaften soll nicht nur mit Bezug auf die letzten zwei Jahrzehnte nachgegangen werden; sie hat sich im Zusammenhang mit dem Auftreten der Baha'i-Religion bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestellt, und ein Überblick über die Entwicklung der Reaktionen auf das Auftreten neuer Religionsgemeinschaften im seither vergangenen Zeitraum ermöglicht interessante Rückschlüsse auf die Veränderung gesellschaftlicher Wertvorstellungen in Ägypten von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart.
Stand 11. Februar 2001