DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Islamwissenschaft

Mizrap Polat:
Die Integrationspolitik des Propheten Muhammad gegenüber den Clanschefs: Erläutert an Hand der Beziehungen zwischen dem Propheten Muhammad und dem umayyadischen Sippenoberhaupt Abu Sufyan Ibn Harb

Abu Sufyan ( gest. 652 n. Chr.) war ein einflußreicher Kaufmann und Stammesoberhaupt. Trotz seiner Verwandtschaft zum Propheten Muhammad zeigte er sich immer als sein Erzfeind bis zur islamischen Eroberung der Stadt Mekka im Jahre 630 n. Chr. Diese 21 Jahre in der insgesamt nur 23 Jahre dauernden Prophetenzeit sind eine wichtige Phase in der islamischen Frühgeschichte. In dieser Zeit beobachtet man einen ständigen Kampf Muhammads mit den Stammesherren, die die Hauptträger der mekkanisch-heidnischen Glaubens- und Gesellschaftsordnung waren. Diese Gesellschaftsordnung beinhaltete zwei wichtige sozio-kulturelle und politische Elemente, nämlich den Ahnenkult und den Tribalismus, durch welche das Stammesoberhaupt und der Adel seinen privilegierten erblichen Status in der Gesellschaft sicherte. Weil es in der mekkanisch-heidnischen Gesellschaft keinen Klerus und keine staatliche Autorität gab, waren die Stammesfürsten und die Kaufleute alleinige Machthaber in der Stadt.
Die Angst vor sozialem und politischem Statusverlust und die Konflikte zwischen der eigenen Sippe und der Sippe des Propheten führten bei den Angehörigen der Oberschicht dazu, daß sie sich gegen den Islam stellten.
Mit der Eroberung Mekkas sah Abu Sufyan keinen Ausweg mehr und nahm aus Furcht den Islam wenigstens für eine Weile scheinbar an. Nach seiner Konversion schwankte seine Haltung zum Islam nach der aktuellen politischen, militärischen sowie finanziellen Situation. Man beobachtet immer wieder bei ihm und weiteren Angehörigen der Umayyadenfamilie, daß ihre Beziehungen zum Islam als Religion von der Haltung des Propheten ihnen gegenüber stark abhängig waren. Aufgrund dessen pflegte der Prophet zu solchen Personen und Großfamilien gute Beziehungen, meistens durch materielle Zuwendungen und Berufung in offizielle Ämter. Diese Zuwendungen und Berufungen sollten mit Hilfe der dafür verwendeten Methodik: Identifizierung, Verantwortlichkeit und Partizipation am Islam, dazu beitragen, daß sie ein Teil des Ganzen, nicht aber Kern- oder Stützpunkt des Rückfalls ins Heidentum würden. Die intensiven religiösen und politischen Umerziehungsbemühungen des Propheten bezüglich der traditionell angesehenen Persönlichkeiten war nicht auf ihre Bevorzugung, sondern auf ihre Integration in die islamische Ordnung ausgerichtet. Ein wichtiger sozio-politischer Erfolg des Propheten war, die religiöse und politische Autorität und Verbundenheit gegen die tribaIistische Lovalität durchgesetzt zu haben, obwohl der Staat des Propheten sich noch nicht vollständig organisiert hatte und teilweise noch die tribalistisch-gesellschaftlichen Strukturen bestanden.

Stand 21. Februar 2001