DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Islamwissenschaft

Martin Riexinger:
Musannif/ publisher vs. Gelehrtennetzwerk. Konflikte unter den Ahl-i Hadis im Punjab 1897-1930

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden die ulama' mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, man denke an den Widerspruch zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Schriftaussagen, neue Medien und Organisationsformen sowie neue Vorstellungen von den Geschlechterrollen. Es ist eine naheliegende Hypothese, dass dies ihnen besondere Anpassungsleistungen abverlangte, wenn sie sich ein Mindestmaß an Legitimität bewahren wollten.
Dass sich hingegen extrem konservative theologische Positionen mit "vormodernen" Organisationsformen gegen moderate Versuche der Anpassung an neue Herausforderungen durchaus gut behaupten konnten, belegt der Konflikt um die Korankommentare des Sanaullah Amritsari (1868-1948) innerhalb der puristischen Denkschule der Ahl-i Hadis im Punjab.
Sanaullah wandte sich speziell an ein Publikum, das eine gewisses Maß an westlicher Bildung genossen hatte und versuchte Wunder zu rationalisieren. In Einzelfragen näherte er sich Positionen von Sayyid Ahmad Han an, von dem er sich dennoch lautstark distanzierte. Die Gelehrtenfamilie der Gaznawis verteidigte dagegen strikt hanbalitische Auffassungen.
Die Unterschiede in der Theologie fanden ihr Korrelat in der Art und Weise des öffentlichen Agierens. Sanaullah wirkte vor allem als Massenredner und Herausgeber einer religiösen Wochenzeitschrift. Zudem leitete er die All-India Ahl-i Hadith Conference und er kooperierte eng mit den muslimischen Bildungsvereinen im Punjab. Großes Aufsehen erregte er durch öffentliche Streitgespräche mit der antiislamischen Hindureformbewegung Arya Samaj, deren Exponenten die Aussagen des Koran zu Wundern und Kosmologie lächerlich zu machen pflegten. Die Gaznawis wirkten dagegen auf traditionelle Weise als Lehrer an Madrasen, publizistisch traten sie kaum in Erscheinung. Auf gesamtindischer Ebene verfügte zwar Sanaullah über die größere Anhängerschaft. Dadurch, dass aber fast alle ulama' der Denkschule im Punjab bei den Gaznawis studiert hatten, konnten sie in der Provinz die Aktivitäten des viel öffentlichkeitswirksameren Sanaullah konterkarieren, bis hin zum erfolgreichen Boykott seiner Auftritte.
Beendet wurde der Konflikt durch die Schlichtung von Abdalaziz Ibn Saud auf der Islamischen Weltkonferenz 1926. Dort wurden die Gaznawis von den wahhabitischen ulama' unterstützt, während Rasid Rida die Position Sanaullah unterstützte.

Stand 27. Februar 2001