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Judaistik |
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Matthias Morgenstern:
Versteht man den Zionismus als "utopischen Rückzug auf Zion", als einerseits "von Obertönen des Messianismus begleitet", andererseits aber zugleich der "Geschichte selber und nicht einer Metageschichte verschworen" (G. Scholem), so ist mit ihm eine bemerkenswerte Verschränkung von traditionellen und revolutionären Elemente gegeben. Das Theater als die "sozialste aller künstlerischen und literarischen Formen" (G. Steiner) kommt in einzigartiger Weise als Auskunftgeber über die konkreten Parameter der Realisierung dieser Verschränkung in der israelischen Kultur und Gesellschaft in Betracht.
Stand 11. Februar 2001
Talmud und Theater
Die Begriffsverbindung "Tempel und Theater" bezeichnet zunächst einen Gegensatz: Das gilt einerseits im Hinblick auf den Befund im Talmud und in der ihm folgenden Literatur, da dort die Institution des Theaters in abwehrender Weise zur Sprache kommt, andererseits aber auch im Hinblick auf das antitraditionalistische Selbstverständnis des frühen säkularistischen Mehrheitszionismus.
Die mit diesem Gegensatz gegebene Spannung erhellt ferner der Vergleich mit der Verwendung biblischer Motive in der neuhebräischen Sprache und Literatur, die im Gegensatz zum Talmud als Kennzeichen der jüdischen Emanzipation und Moderne und darüber hinaus der zionistischen "Kulturrevolution" (der säkularistisch gesteuerten, also nicht durch die religiöse Tradition vermittelten Wiederbelebung der Hebraizität, einer ebensolchen Aneignung der antiken Traditionen sowie der Inbesitznahme des Landes Israel) gilt. In diesem konnotativen Zusammenhang steht die Bibel gewissermaßen für die zionistische "Revolution", der Talmud für die "Reaktion"; die Bibel für das wiedergewonnene Heimatland, der Talmud fürs Exil; die Bibel für aktive Aneignung, der Talmud für passives Leiden; die Bibel für sprachliche und kulturelle Moderne, der Talmud für Antiquiertheit; die Bibel für Verwurzelung im Lande; der Talmud für Ortlosigkeit; die Bibel für die Möglichkeit einer säkularistischen Aneignung religiöser Tradition, der Talmud für den orthodoxen Umgang mit dem Erbe; die Bibel für Optimismus und helle Farben; der Talmud für Pessimismus und Dunkelheit.
Legt man ein derartiges Raster zugrunde, so finden sich, in Anknüpfung und Absetzung darauf aufbauend, in der neuhebräischen Sprache und Literatur höchst unterschiedliche formale und inhaltliche Verwendungsweisen für den Talmud. In typologischer Unterscheidung lassen sich drei Verwendungen nachweisen, die zugleich eine Entwicklung im zionistischen Umgang mit dem kulturellen Erbe Israels andeuten: Talmudische Sprachformen und Inhalte als Bildungszitat (1.), als semantisches Signal der Distanznahme von einem für überwunden gehaltenen Exilszustand (2.) sowie als erneute Aneignung der Tradition im Sinne einer zugleich "postreligiösen" wie "postzionistischen" Utopie (3). Dieser Umgang mit dem Talmud soll anhand von Beispielen aus den Dramen Y. Mossinzons, M. Shamirs, M. Lerners und J. Sobols belegt, weiter differenziert und erläutert werden.