DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Moderner Orient


Daniel Bertsch:
Anton von Prokesch-Osten (1795-1876) und die Orientalistik des 19. Jahrhunderts

Der österreichische Diplomat Anton von Prokesch Osten (*1795 in Graz, †1876 in Wien) lebte mehr als 36 Jahre im östlichen Mittelmeerraum und wirkte durch seine zahlreichen Veröffentlichungen als Vermittler orientalischer Kultur im Westen. Als militärischer Kriegsberichterstatter mit Sitz in Smyrna befuhr er von 1824-1830 auf Schiffen der österreichischen Escadre den ostmediterranen Raum. 1827 bereiste er Ägypten und sammelte geo- und kartographisches Material zur Herstellung einer Landkarte für das Gebiet zwischen Assuan und dem zweiten Katarakt. 1829 wurde er bei einer Friedensmission im Heiligen Land eingesetzt, bei der er erfolgreich zwischen dem berüchtigten Pascha von Akko und den Christen vermittelte. Diese Verhandlungen, die eine gute Kenntnis der islamisch-orientalischen Kultur voraussetzten, hat Prokesch in seinem Buch Reise ins heilige Land, Wien 1831, beschrieben.
Über das alte und neue Ägypten veröffentlichte er in Wien 1829-1831 zwei Werke: die dreibändigen Erinnerungen aus Ägypten und Kleinasien, und die Monographie Das Land zwischen den Katarakten des Nil, mit einer Karte, astronomisch bestimmt und aufgenommen im Jahre 1827. 1833 wurde Prokesch nach Ägypten geschickt, um Hilfestellungen bei den Friedensvermittlungen zwischen dem Sultan und Muhammad Ali zu leisten. Danach folgte eine 14jährige Gesandtenzeit in Athen, in der er u.a. mit der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft korrespondierte, die ihn 1847 zum Ehrenmitglied ernannte. Durch Empfehlungsschreiben an Muhammad Ali ermöglichte er Pückler-Muskau einen mehrjährigen Aufenthalt in Ägypten.
1848 wählte ihn die Wiener Akademie der Wissenschaften unter dem Vorsitz Hammer-Purgstalls zunächst zum korrespondierenden Mitglied, vier Jahre später zum Vollmitglied. 1849 kam Prokesch als Diplomat nach Berlin, 1853 erfolgte ein zweijähriger Aufenthalt als Bundespräsidialgesandter in Frankfurt am Main, wo er Graf Arthur Gobineau kennenlernte, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. In Briefen diskutierten sie über Persien, den Fernen Osten, den Baha'ismus und über sasanidische Münzen. Mehrmals legte Gobineau die Manuskripte seiner Werke Prokesch zur Korrektur vor.
1855 wurde Prokesch nach Konstantinopel berufen und war dort bis 1871 als Internuntius und Botschafter tätig; in Andreas David Mordtmann fand er in dieser Zeit einen kompetenten wissenschaftlichen Berater.
Auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand machte sich Prokesch immer wieder für eine vorurteilsfreie Begegnung mit dem Orient stark. Er hatte Kontakt zu Alfred von Kremer, der kulturgeschichtliche Beobachtungen Prokeschs in seiner Geschichte der herrschenden Ideen des Islams rezipierte. 1875 setzte sich Prokesch für die Berufung von Karabacek als Professor für Orientalische Geschichte an die Universität Wien ein.

Stand 11. Februar 2001