DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Moderner Orient


Camilla Dawletschin-Linder:
Die Memoiren der Halide Edip als Quelle für den Historiker: Fakten und Editionen

Biographien und Autobiographien haben in den letzten zwei Jahrzehnten großes kritisches Interesse vor allem von Literaturwissenschaftlern und Literaturhistorikern erfahren, was eine Fülle von methodologisch orientierter Sekundärliteratur hervorgebracht hat. Die dabei für ein kritisches Lesen und Rezipieren von Autobiographien erarbeiteten Kriterien können auch vom Historiker angewendet werden, der dieses Genre in seine Arbeit als Quelle miteinbezieht. Nur stichpunktartig seien einige der zu beachtenden Probleme genannt, wie das der Erschaffung des Selbst, der Rekonstruktion des eigenen Lebens als Neuerfindung, der Selektivität des Gedächtnisses. des zeitlichen Abstands zwischen dem Erlebten und dem Geschriebenen oder der Mythologisierung des Selbst und der Anderen.
Halide Edip (1882-1964), Autorin, Literaturwissenschaftlerin, Publizistin, Pädagogin und Politikerin, die den Aufbau der modernen Türkei maßgeblich mitgestaltete, hatte noch während des türkischen Befreiungskriegs begonnen, ihre Memoiren zu schreiben, die sie dann in den zwanziger Jahren in England veröffentlichte. Um mich nicht in psychologisierenden Untiefen zu verlieren, gehe ich davon aus, daß der Inhalt dieser zwei Bände, die ich hier näher betrachte, eine reale Person repräsentiert und dass die Autorin diesen Teil ihres Lebens so geschrieben hat, wie sie ihn zum einen zum Zeitpunkt ihres Schreibens in den 20er Jahren erinnerte und zum anderen wie sie ihn dem Leser vermitteln wollte.
Die Memoiren Halide Edips stellen eine faszinierende Quelle für den Historiker dar. Voraussetzungen für eine kritische Betrachtung und Verwertung sind neben den oben erwähnten Kriterien die Berücksichtigung des "Gender"-Aspekts, sowohl der Autorin, als auch des rezipierenden Historikers und des unterschiedlichen kulturellen Umfelds von Autorin und Historiker. Dabei ergeben sich besondere Fragestellungen, da in diesem Fall die Autorin nicht in ihrer eigenen Sprache und zumindest teilweise für ein kulturell anders geprägtes Publikum geschrieben hat. Auch der Aspekt der verstrichenen Zeit zwischen dem Erlebten, dem Schreiben und der Rezeption erhält besondere Bedeutung dadurch, daß Halide Edip ihre Memoiren in den zwanziger Jahren in England publizierte und erst drei Jahrzehnte später in wenig, aber entscheidend veränderter Form auf türkisch herausbrachte.
Insbesondere aufschlussreich sind für uns die Motivation des Schreibens und die Ziele, die die Autorin mit der Abfassung ihrer Memoiren verband, seien sie nun explizit erwähnt oder aber aus dem Text deduzierbar , So liegt der Nutzen für den Historiker nicht nur in den niedergeschriebenen "Fakten". Vielmehr dienen auch die Antworten auf die Frage wie und warum geschrieben und was verschwiegen wurde ebenso wie die im Werk erhaltenen Fiktionen als Quelle für die Betrachtung der modernen türkischen Geschichte.

Stand 28. Februar 2001