DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Moderner Orient


Anja Peleikis
Erinnerungs- und Vergessenspolitik in multi-konfessionellen Dörfern im Libanon nach dem Bürgerkrieg

Zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg ist die libanesische Gesellschaft zerrissen zwischen dem Bedürfnis und dem Willen zu erinnern bzw. zu vergessen. Während einige kritische, vor allem intellektuelle, Stimmen davor warnen, die jüngste Vergangenheit zu ignorieren und für die Überzeugung eintreten, daß "Versöhnung Erinnerung brauche", verfolgt die Regierung und weite Kreise der Gesellschaft eine andere Strategie. 1991 verabschiedete das libanesische Parlament eine generelle Amnestie aller zwischen 1975 und 1991 begangenen Kriegsverbrechen. Der 15jährige Bürgerkrieg wird tabuisiert, ignoriert und statt dessen wird die Zukunft in einer fernen Vergangenheit in postmodernem Antlitz gesucht.
Der Vortrag möchte auf der Basis von ethnographischem Material der Frage nachgehen, wie die lokale Bevölkerung in gemischt-konfessionellen Dörfern mit Erinnerung und Vergessen vor dem Hintergrund von Vertreibung, Gewalt und menschlichen Verlusten umgeht. Am Fallbeispiel eines ausgewählten Dorfes im südlichen Mount Lebanon, dessen BewohnerInnen griechisch-katholischer, maronitischer und schiitischer Konfession sind, wird der Bedeutung von Erinnern und Vergessen für die Produktion lokaler und konfessioneller Identitäten nachgegangen. Dabei ist ein Unterschied zwischen dem Diskurs institutioneller politischer Vertreter einerseits und der Praxis der lokalen Bevölkerung andererseits zu konstatieren. Erinnerungs- bzw. Vergessenspolitik (A. Assmann) wird von politischer Seite zielgerichtet eingesetzt, um Gemeinsamkeit in dem multi-konfessionellen Gemeinderat nach innen zu schaffen sowie eine möglichst große Wählerschaft in der durch den Bürgerkrieg zerrissenen Bevölkerung zu erreichen. Die meisten VertreterInnen des Gemeinderates waren während des Bürgerkrieges nicht im Lande, sondern als MigrantInnen im Ausland. Für sie ist der Bürgerkrieg eine 'dunkle, chaotische' Zeit, an die man sich besser nicht erinnern sollte. Statt dessen beziehen sie sich auf die große Geschichte des Dorfes, um darauf ihre Visionen für eine lokale Entwicklungspolitik aufzubauen. Dabei ignorieren sie die traumatischen Erfahrungen des Bürgerkrieges und der Vertreibung, die sich in die Körper, Landschaften und Erinnerungen der DorfbewohnerInnen eingeschrieben haben und wesentlich für ihr gegenwärtiges soziales Verhalten sind, insbesondere dem konfessionell Anderen gegenüber. Während somit die einzelnen konfessionellen Gruppen sich lediglich innerhalb der eigenen Grenzen an das Grauen des Bürgerkrieges erinnern und von politischer Seite jegliches grenzüberschreitendes Erinnern tabuisiert wird, wird es unmöglich gemacht, daß neue lokale Räume geschaffen werden, in denen sich die Bevölkerung, insbesondere die Jugendlichen, (wieder-)kennenlernen und über geteilte Erfahrung und Erinnerung eine gemeinsame lokale Identität produzieren. Tatsächlich werden konfessionelle Grenzen derzeitig eher bestärkt als aufgebrochen.

Stand 11. Februar 2001