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Moderner Orient |
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Brigitte Rieger:
Hypothese: Am Beispiel der Sozialpolitik lässt sich für den Libanon zeigen, dass die zunehmende Globalisierung bzw. Internationalisierung nicht unbedingt zur Reproduktion moderner kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen führt, sondern zunächst zu einer Anpassung der bestehenden Klientelismus- und Patronagestrukturen an die neuen Bedingungen.
Stand 28. Februar 2001
Soziale Sicherung und gesellschaftliche Modernisierung am Beispiel des Libanon
Methoden: Dieses zeigte sich anhand einer empirischen Untersuchung von Organisationen/NGOs, die im sozialpolitischen Spektrum aktiv sind. Mittels der Auswertung eigener Publikationen sowie Leitfadeninterviews von Verantwortlichen dieser NGOs wurde neben Tätigkeitsfeldern, Umfang und Herkunft der finanziellen Mittel sowie organisatorischen Strukturen vor allem auch versucht, sowohl die Träger/Akteure dieser Organisationen zu identifizieren.
Ergebnisse/ Findings: Im Ergebnis können diese Organisationen klar verschiedenen konfessionellen Bereichen zugeordnet werden. Untersucht wurden die Gemeinschaften der Schiiten, Maroniten, Sunniten und der Drusen. Über alle vier untersuchten Gemeinschaften (libanesisch Tawa'if) hinweg war festzustellen, dass sich die Leistungen in etwa entsprachen und das Angebot maßgeblich nicht von der Religion sondern von den Bedürfnissen der Zielgruppe sowie der Möglichkeit für die Anbieter, sich staatliche Patronagekanäle zu Nutze zu machen, abhing. Sobald letztere Option dem potentiellen oder tatsächlichen Anbieter sozialer Leistungen zur Verfügung stand, wurde im Normalfall von der Gewährung eigener Leistungen abgesehen. In der Regel wurden im Rahmen der Beziehungen zwischen dem Anbieter und Empfänger sozialer Leistungen traditionelle Beziehungen auf der Basis von Klientelismus und Patronage reproduziert, wie sie im Libanon schon vor der Entstehung des Kapitalismus bestanden. Allerdings zeigten sich hier über die Gemeinschaften hinweg verschiedene Stadien der Modernisierung dieser klientelistischen Strukturen, jedoch bei kleiner Gemeinschaft ein tatsächlicher Übergang zu einer modernen Gesellschaft, die sich auf autonome Individuen stützt.
Folgerungen/ Conclusions: Sogenannte traditionelle Strukturen sind anpassungsfähig und durchaus in der Lage sich zu modernisieren ohne damit notwendigerweise den Übergang westlichen, kapitalistischen Strukturen zu vollziehen. Für den Libanon zeigte sich, dass gerade mit der Öffnung des Libanons nach Außen und zunehmender internationaler Verflechtung sogar eine gegenteilige Wirkung eintrat und nicht gesellschaftliche Modernisierung die Folge war, sondern die Stärkung der Gemeinschaft (im Tönnies'schen Sinne).