DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Orientalische Kunstgeschichte

Christiane Kothe
Westumaiyadische Vorbilder des Freiburger Totenteppich

Im Freiburger Augustinermuseum befindet sich ein als Totenteppich bezeichnetes Wolltuch in Leinwandbindung mit Applikationsstickerei aus weißem Wollköper und Lederriehmchen, das aus dem Kloster Adelhausen stammt. Das Stück wird in der Literatur ins 15. Jahrhundert datiert und die Ornamentik mit dem Granatapfelmuster italienischer Seidenstoffe in Verbindung gebracht. Der Dekor leitet sich m.E. jedoch von westumaiyadischen Rankenbaumgestaltungen ab, wie sie uns im Reichen Saal von Madinat al-Zahra', der Al-Hakam-Erweiterung der Großen Moschee von Córdoba, den Paneelen des Cortijo del Alcaide oder Elfenbeinkästchen begegnen. Aufgrund der großen motivischen Nähe zu den Córdobeser Vorbildern möchte ich eine Datierung ins ausgehende 11. oder ins 12. Jh. und eine Entstehung im ibero-okzitanischen Raum vermuten. Dieser Datierungsvorschlag wäre jedoch mittels einer noch ausstehenden technischen Analyse zu verifizieren, da angesichts der möglichen Motivvermittlung durch Vorbilder aus dem Bereich der Kleinkunst Entstehungsort und -zeit nicht mit Sicherheit festzulegen sind. In jedem Fall handelt es sich um ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie die Unkenntnis der al-andalusischen Kunst seitens der europäischen Kunstgeschichte zu eklatant falschen Ableitungen führen kann.
Der Totenteppich besteht aus drei Reihen von je fünf quadratischen Feldern, die aus einem ursprünglichen Kontext herausgelöst und neu zusammengesetzt wurden. Acht der 15 Quadrate thematisieren den Rankenbaum westumaiyadischer Prägung, wobei vier diesen fast vollständig auf eine hypertrophe Blütenbildung im Zentrum reduzieren. Bei den verbleibenden Feldern handelt es sich um z.T. sehr eigenwillige Weiterentwicklungen der al-andalusischen Vorlagen. Maßgebliche Details der Rankenbäume sind der zentrale, in einer Blüte endende Stamm, von diesem abzweigende Ranken, sowie sich aus dem Fußpunkt des Stammes entwickelnde seitliche Ranken, die in sekundären Blüten enden und z.T. bis zum oberen Rand aufsteigen. Parallelen zu kalifalen Rankenbaumdarstellungen - und hier vor allem zu den Sockelpaneelen des Reichen Saals - zeigen sich in der großen Organisation sowohl der Felder wie auch einzelner Dekorteile. Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch in der konkreten Umsetzung: statt der vielen Einzelformen der Vorbilder weisen die Rankenbäume des Totenteppich als konstituierendes Element insbesondere der Blüten und blütenähnlichen Ensembles Akanthusranken auf. Doch äußert sich auch hierin ein Bezug zum kalifalen Baudekor. Ensembles aus Akanthusranken schmücken in vielfältigen Variationen die Zwickel von Bogenöffnungen in Madinat al-Zahra' und der Großen Moschee von Córdoba und prägen außerdem einen Teil der kalifalen Kapitellplastik, die gleichfalls als Inspirationsquelle in Frage kommt. Der Vortrag stellt den Freiburger Motiven mögliche westumaiyadische Vorbilder gegenüber und zeigt auf, wie die unterschiedlichen Quellen kohärent verbunden werden.
Die enge Beziehung zwischen Totenteppich und westumaiyadischem Baudekor läßt uns weiterhin nach möglichen Vermittlungswegen fragen. Hier müssen wir m.E. den Handel bzw. ganz allgemein ökonomisch geprägt Beziehungen als einen wichtigen Faktor vermuten.

Stand 11. Februar 2001