DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Orientalische Kunstgeschichte

Friederike Voigt:
Persisches Basar- und Straßenleben auf Fliesen des 19. Jahrhunderts

Sie sind von losen Blättern oder aus Bilderalben qadscharischer Zeit bekannt - einzelne, vor den freien Hintergrund gestellte Figuren, anhand derer persische Typen, Handwerke und Berufe oder Bräuche gezeigt werden. Stilistisch aus der Tradition der Miniaturmalerei hervorgehend, stellte die Wahl der Sujets eine Neuerung dar. Mit scheinbar ethnographischem Blick hielten die Miniaturmaler Szenen des Alltags fest. Diese Arbeiten erfreuten sich vor allem bei Europäern, die durch Iran reisten oder sich in unterschiedlichen Missionen längere Zeit dort aufhielten, großer Beliebtheit. Wahrscheinlich unter dem Einfluß der Fotografie, die unter Nasir ud-Din Schah (1848-1896) in Iran eingeführt wurde, begann sich der Stil dieser Malereien zu ändern. Einheimische Fotostudios hatten sich die Dokumentation von Land und Leuten zum Ziel gesetzt. Ihre Aufnahmen, die Touristen wie Wissenschaftler meist in großer Anzahl erwarben, scheinen auch den Genremalern als Vorlagen gedient zu haben. Denn in den kolorierten Zeichnungen und Aquarellen dieser Zeit kopierten sie manchmal nicht nur das Arrangement, sondern orientierten sich auch in ihrer Malweise an der Realität der Fotografie.
In diesem Kontext müssen auch die 25 Fliesen des Ethnologischen Museums Berlin, die Friedrich Sarre 1898 in Teheran erwarb, entstanden sein. Von einer stilisierten Blattranke eingefaßt, zeigen ihre Darstellungen verschiedene Szenen des städtischen Alltags: Läden im Basar, Handwerker, fliegende Händler, Lastträger, Garköche, Bettler und Derwische. In Unterglasurmalerei ausgeführt, sind die dunkelbraun konturierten Figuren und Gegenstände stark formalisiert und auf wesentliche Merkmale reduziert wiedergegeben. In der Farbwahl dominieren Pink, Kobaldblau, Olivgrün, Türkis und Ocker in mehr oder weniger wässrigem Auftrag. Das doppelte Vorkommen einzelner Motive verweist auf eine Herstellung dieser Art Fliesen in größerem Umfang. Im Unterschied zu den Malereien, die sich leichter transportieren ließen, ist jedoch eine ausschließlich auf den Verkauf an Fremde gerichtete Produktion schwer vorstellbar. Möglicherweise dienten sie auch zur Ausstattung persischer Bauten, da sich selbst im Palast des Herrschers in Sultanabad ein Beispiel für eine Fliese mit der Darstellung eines Handwerkers bei der Arbeit findet.
Die Fliesen sind nicht signiert, jedoch nannte Sarre als Verkäufer den Töpfer "Ustad Ali Muhammed", der sich mit großer Wahrscheinlichkeit als Ali Muhammad Isfahani identifizieren läßt und damit das Geschenk Sarres an das Museum als eine Arbeit seiner Werkstatt. Ali Muhammad, u. a. durch seine Arbeiten für europäische Auftraggeber bekannt geworden, war seit ca. 1884 in Teheran tätig. Damit ließe sich die Entstehungszeit der Fliesen auf eine Spanne zwischen 1884 und 1896 einengen, da es sich nach Aussage von Sarre bei seinem Kauf bereits um einen Restbestand handelte und derartige Arbeiten nach dem Tode Nasir ud-Din Schahs nicht mehr hergestellt wurden.

Stand 28. Februar 2001