DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Orientalische Kunstgeschichte

Stefan Weber
Veränderte Lebenswelten - Mensch, Haus und Stadt im spätosmanischen Reich am Beispiel Damaskus

Das 19. Jahrhundert ist als Zeit der Reformen in die osmanische Geschichte eingegangen. Durch eine zentralistische Politik und eine vollständige Erneuerung des administrativen Apparates wurde versucht, alle Provinzen des Reiches in ein einheitliches osmanisches System zu fassen. Doch nicht nur im Staat, sondern auch in der Gesellschaft veränderte der Wunsch nach Erneuerung und Modernisierung osmanische Lebenswelten. Dies fand in der Provinzhauptstadt Damaskus wie in anderen Städten des Reiches seinen Ausdruck, ob in der Kleidung der Bürger, in der Einrichtung ihrer Häuser oder in urbanen Strukturen.
Häuser sind die kleinsten Einheiten einer architektonisch geschaffenen Lebenswelt. In ihnen formt sich der Bauherr entsprechend seines tradierten Umfeldes einen privaten Raum, der sich nach seinen Anforderungen, seinen Wünschen und seinem Geschmack richtet. Verändern sich diese Komponenten, so findet dies direkt in der Wohnarchitektur seinen Ausdruck. Häuser sind auch architektonische Selbstdarstellung des Bauherrn und reflektieren Aspekte des Selbstverständnisses desselben. Wohnhäuser bieten somit ein besonders geeignetes Feld, durch mögliche veränderte bauliche Ausformung des Wohnraumes, sei es im Aufbau oder in der dekorativen Gestaltung eines Hauses, der Frage nach der Verinnerlichung neuer Leitlinien innerhalb eines kulturellen Wandlungsprozesses nachzugehen.
Neben dem Baudekor unterliegt auch die Inneneinrichtungen der Häuser jener Jahre einem starken Wechsel. Spätestens ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zeigen sich die gleichen augenfälligen Entwicklungen. Kissen und Diwane werden durch Möbel verdrängt, während der Baudekor zunehmend osmanischen Barock integriert. Techniken und Motive der Haus- und Innenraumgestaltung zeigen bis dahin unbekannte Ausprägungen. Besonders Wandbilder beschreiben als tour d'horizon die Welt, in der der Bauherr sich sieht. Hierbei wandelt sich nicht nur der Geschmack der Inneneinrichtung und der Fassadengestaltung innen und außen, auch der Aufbau des Damaszener Hofhauses variiert. Für Damaskus neue Gebäudeeinheiten des osmanischen Konaks (Sofa) halten Einzug in die Wohnhausarchitektur wohingegen bekannte Entwurfsmodelle abgeändert werden. Doch nicht nur die Wohnhäuser ändern sich. Damaszener bauen in jenen Jahre moderne Markthallen, Schulen und wählen nach 1864 lokale Notabeln in den Stadtrat, der die Aufgabe der Stadtplanung übernimmt.
Der Vortrag bezieht sich auf die Ergebnisse einer mehrjährigen Feldforschung in Damaskus, bei der zahlreiche Bauaufnahmen gemacht, über 500 Häuser (neben 400 öffentlichen Gebäuden) kartiert, photographiert und katalogisiert wurden, und reiches Quellenmaterial zu den Häusern und ihren Erbauern gesichtet wurde. Auf methodologische Fragestellungen der Altstadtdokumentation soll eingegangen werden.

Stand 11. Februar 2001