DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Orientgeographie


Anton J. Escher (a.escher@geo.uni-mainz.de):
Neo-Orientalismus im Orient! Eine weitere Eroberung von Marrakech und die Wiedergeburt kolonialen Lebensstils

Die Faszination des orientalischen Flairs, die Farben, die Gerüche, die Sonne, das ganzjährig warme Klima, die günstigen Lebenshaltungskosten und die Erwartung dionysischer Freuden, motivieren Europäer nach Marokko umzusiedeln. Die Zahl der westlichen Ausländer in der Altstadt von Marrakech steigt auf etwa mehrere Duzend bis Mitte der 80er Jahre an, bleibt jedoch relativ überschaubar. Verstärkt interessieren sich bis Mitte der 90er Jahre Europäer für den Kauf eines Hauses in der Altstadt. Es entstehen erste Gästehäuser und mehrere exklusive Restaurants. In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts kommt es zu einem boomartigen Anstieg beim Erwerb von Immobilien in der Altstadt. Während der letzten zwei Jahre explodiert die Nachfrage und das Angebot an Immobilien weitet sich aus. Im September 1999 werden ungefähr 150 und im November 2000 nahezu 500 Riad von westlichen Ausländern bewohnt. In der Medina trifft man heute eine große Bandbreite unterschiedlicher Typen von Neubewohnern, die vom Einwanderer und Transmigranten über den Spießbürger und Snob bis zum illustren Feriengast und muslimisierten Europäer reichen. Hollywoodfilme, Fernsehberichte, Zeitschriften und Zeitungen sowie das Internet tragen zur Informationsvermittlung über die Medina von Marrakech und zur Werbung in einem Riad zu wohnen bei. Auf dem Immobilienmarkt bieten derzeit Architekten und Immoblienmakler mehrere hundert Riad an. Franco-marokkanische Maklerbüros betreiben eine aggressive Vermarktung, die vom face-to-face-Kontakt auf dem Platz Jemaa el-Fna bis zur interaktiven Kommunikation im Internet reicht. Ähnlich wie in den ökonomisch und sozial abgesunkenen Stadtvierteln der Industrieländer werden strukturell ähnliche Altstadtteile in Marokko durch wohlhabende Bevölkerung baulich und sozial aufgewertet. In der "orientalischen Stadt" werden Wohnhäuser in einem "orientalischen" Stil, der in Europa im 18./19. Jahrhundert kreiert wurde, gestaltet. So entsteht ein hybrider Raum mit imaginär-orientalischem Ambiente und opulenten Lebensstil, kontrastiv zur Armut der Umgebung. Dieser Gegensatz, der insbesondere in der allumfassenden Verfügbarkeit von Dienstpersonal kulminiert, trägt dazu bei, dass den westlichen Ausländern das Gefühl vermittelt wird - wie der Stararchitekt Bill Willis äußert - in "a sort of gracious colonial atmosphere" zu leben.
Über hundert Jahre nachdem Europäer die Imagination "Orient" geschaffen haben, beginnen sie nun endgültig, aufgrund ihrer derzeitigen ökonomischen und politischen Überlegenheit, ihren "Orient", hier die Medinen Marokkos, von innen - dort wo die islamische städtische Lebenskultur, dort wo `umran hadari verortet war - nach ihren orientalistischen Vorstellungen baulich und lebensweltlich zu gestalten.

Stand 11. Februar 2001