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Turkologie / Osmanistik |
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Jutta Sauer:
Die Gründung der Republik Türkei rief oppositionelle Gruppen auf den Plan, die diese neue Staatsform mit radikalen Mitteln bekämpften. Gleichzeitig gab es aber auch eine Anhängerschaft, die bemüht war, durch Printmedien die Republik und somit die kemalistischen Prinzipien zu legitimieren und zu stabilisieren.
Stand 11. Februar 2001
Die >Hayat Ansiklopedisi< (1932-1936): Synthese von Ideologie und "Wissenschaft"
Es gibt viele Anzeichen dafür, daß die ›Hayat Ansiklopedisi‹ vom Zeitgeist durchdrungen ist und die Werte der jungen türkischen Republik vermitteln sollte. Sie stellt die erste vollständige, allgemeine Enzyklopädie in der Türkei dar. Das Werk entstand unter der Herausgeberschaft der Zeitung ›Cumhuriyet‹ bzw. ihres Besitzers Yunus Nadi [Abalioglu, 1880-1945] und wurde von einem sechsköpfigen Team führender Intellektueller der 30er Jahre erarbeitet. Die redaktionelle Leitung hatte der Journalist und Publizist Mehmed Zekeriya [Sertel, 1890-1980] inne. Während es sich bei den allgemeinbildenden Lemmata um Übersetzungen aus amerikanischen Werken handelt, wurden Artikel zur Geographie, Geschichte und Kultur der Türkei eigens verfaßt und eingefügt. Diese Lemmata eignen sich besonders gut dazu, die ideologische Ausrichtung dieser populärwissenschaftlichen, auf einen breiten Leserkreis zugeschnittenen Enzyklopädie zu untersuchen.
Die Macher der ›Hayat Ansiklopedisi‹ begriffen die Einsatzmöglichkeit einer Enzyklopädie als Medium zur Erziehung. Offenbar konzipierten ihr Werk jedoch nicht, um ihre Leser zum selbständigen Denken anzuregen. Vielmehr stand eine Erziehung zum regimetreuen Bürger im Vordergrund. Diese Tatsache wurde zudem durch äußere Umstände, wie die starke Einschränkung der Pressefreiheit, forciert. Verquickt mit allgemeinbildenden Artikeln unter dem Schwerpunkt Technik und Naturwissenschaften präsentierte man ideologisch gefärbte Inhalte als ›objektives Wissen‹. Somit untergruben die Herausgeber bzw. Verfasser im Grunde ihr eigenes Ziel, nämlich die von ihnen selbst postulierte Wissenschaftlichkeit. Denn lediglich ihre subjektive Meinung wird innerhalb der Enzyklopädie als objektive Wahrheit dargestellt. Dies läßt sich auch anhand ihres Konzeptes von ›Fortschritt‹ verdeutlichen. So konnte für die Verfasser der ›Hayat Ansiklopedisi‹ ein Fortschritt im Lande einzig und allein durch die Umsetzung und Weiterführung des kemalistischen Reformprogrammes erreicht werden. Doch sicherlich spiegelte dies nur die Sichtweise eines Teiles der Bevölkerung wider, denn dieser Weg zum ›Fortschritt‹ konnte für anders Gesinnte sicherlich auch einen großen ›Rückschritt‹ bedeuten.
Das Beispiel der ›Hayat Ansiklopedisi‹ verdeutlicht, wie leicht in Nachschlagewerken die Grenzen zwischen wertfreier Information und politischer Indoktrination zu Gunsten bestehender Wertvorstellungen korrigiert werden können. Es handelt sich dabei um eine Problematik, die sicherlich auch heute nicht an Brisanz verloren hat.