DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Turkologie / Osmanistik

Maria Wurm:
Die Darstellung Tansu Cillers in Ismail Gülgecs Hayvanlar - Karikaturen 1993-1997

Unmittelbar nach dem Staatsstreich 1980 in der Türkei bot allein die stark verfremdende Form der Tierkarikatur dem türkischen Karikaturisten Ismail Gülgec noch die Möglichkeit, die politischen Verhältnisse in der Türkei zu kommentieren. Seine seitdem fast täglich erscheinende Karikaturserie Hayvanlar ("Tiere") in der Tageszeitung Cumhuriyet ist ein fester Bestandteil der türkischen Pressekultur geworden. Peruklu Akbaba, der Geier mit Perücke, ist die Figur, mit der Ismail Gülgec 1993-1997 die ehemalige türkische Ministerpräsidentin Tansu Ciller darstellte. Die Hayvanlar-Karikaturen sind eine Reflexion politischen Zeitgeschehens. Herkömmliche wissenschaftliche Ansätze sind bemüht, allein auf rationale Argumentation zurückzugreifen. Politische Karikaturen wie die Hayvanlar aber können rationale Argumentation durch affektive Mittel und subtile Appelle ergänzen. Da sie sich z.B. Klischees und Vorurteile zunutze machen können, vermögen sie es, die Sicht der Dinge nachhaltiger zu prägen als rein rationale Argumentation, und Personen und Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen zu lassen.
Im Falle der Darstellung Tansu Cillers durch die Figur der Peruklu Akbaba zielt Ismail Gülgec darauf ab, ihre politische Leistung zu kritisieren und abzuwerten. Um dies zu erreichen, argumentiert der Karikaturist aber nicht nur politisch, sondern auch emotional. Auf einer politisch-sachlichen Ebene kritisiert Gülgec, gemäß der ideologischen Ausrichtung der Cumhuriyet und seiner persönlichen Ansichten, jedes nicht-kemalistische Vorgehen Tansu Cillers. Um seine sachliche Argumentation zu untermauern, greift er auf einer zweiten, persönlich-affektiven Ebene ihre Person an. Die Tatsache, daß Tansu Ciller eine Frau ist, macht sich Gülgec hier am stärksten zunutze. Einerseits stellt Gülgec häufig Tansu Cillers Weiblichkeit in Frage, z.B. indem er ihr vorwirft, "gefühllos wie ein Mann" zu sein. Andererseits betont er durchgängig ihre weiblichen Merkmale im Übermaß. Beides soll die Person in ihrem Innersten, ihrer geschlechtlichen Identität treffen, und stellt deshalb einen Angriff dar. Indem Gülgec im Betrachter tief verwurzelte geschlechtsbezogene Klischees bedient, gelingt es ihm, eine sachliche Ablehnung der Politik Tansu Cillers emotional zu untermauern. Dies wäre in einer rein schriftlichen Quelle nicht mit solcher Effektivität möglich, da es nicht in gleichem Maße subtil geschehen könnte. Vermeintlich rationale Vorgänge wie die Bewertung einer politischen Leistung oder das Entstehen einer politischen Ansicht werden so in starkem Maße von unterbewußten Paradigmen bestimmt. Die Untersuchung von Karikaturen ermöglicht es deshalb, besser zu verstehen, wie eine bestimmte öffentliche Meinung entstehen konnte

Stand 21. Februar 2001