DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Vorträge
Zentralasien

Klaus-Dieter Mathes:
Die Sa-skya-Lamas aus Bicher Gaon im oberen Dolpo (Nordwest-Nepal)

Auf der Grundlage von verschiedenen Lebensgeschichten, Ritualtexten, Pilgerführern und Urkunden, die ich in den vergangenen Jahren für das "Nepal-German Manuscript Preservation Project" in Dolpo auf Mikrofilm sicherte, konnte ich die Genealogien der Lamas und Äbte von Näsar- und Lang-Gompa in Bicher Gaon bis ins 17. Jahrhundert erstellen. Es gelang mir ferner, mit Hilfe von Urkunden jüngeren Datums und der mündlichen Überlieferung die letzten fünf Äbte von Näsar und die letzten sechs Äbte von Lang zu identifizieren. Die ersten zehn Äbte der Näsar Gompa sind in einer Herrscherurkunde (bem chags) aus dem 14. Jahrhundert aufgeführt. Demnach wurde die Näsar Gompa von dem aus dem Sa-skya-'khon-Geschlecht stammenden gTsug-rna rin-chen gegründet. Als terminus ante quem für die Ankunft von gTsug-rna rin-chen in Dolpo können wir das Jahr 1220 angeben, da der 'Bri-gung-Lama Grub-thob Seng-ge ye-shes (1181-1255) in diesem Jahr vom Kailash nach Dolpo kam und das Kloster von gTsug-rna rin- chen einweihte. Dies geht aus einer im 13. Jahrhundert von Don-mo ri-pa und rDo-rje mdzes-'od verfaßten Lebensgeschichte von Grub-thob Seng-ge ye-shes hervor.
Aus der Herrscherurkunde von Näsar erfahren wir ferner, dass der zehnte Abt von Näsar, mKhan-po 'Jam-dbyangs, mit dem König von Jumla, Puõyamalla (gest. 1337), befreundet war. Puõyamalla erhob in Dolpo Steuern und errichtete damit u.a. eine neue Kapelle in Näsar Gompa. Interessant ist auch, dass sich mKhan-po 'Jam-dbyangs regelmäßig im benachbarten dKar ma'i rong (Süd-Mugu) aufhielt, wo ihm laut Urkunde jeder Haushalt eine bestimmte Menge Getreide abzugeben hatte. In dem Ort Karti, drei Tagesetappen von Jumla entfernt, musste z.B. auch ein Ochse für den Lama geschlachtet werden - der hinduistische Einfluss im Nordwesten Nepals kann also unter Puõyamalla noch nicht so stark gewesen sein. Aufgrund der mündlichen Überlieferung wissen wir, dass die Lang Gompa von einem gewissen Blo gros rgyal mtshan, der neunte Lama nach mKhan-po 'Jam-dbyangs, gegründet worden ist. Während der älteste Sohn einer Generation Mönch wurde und sich von Blo gros rgyal mtshan an in die Lang Gompa zurückzog, blieben die jüngeren Brüder in Näsar Gompa und gründeten neue Familien. Aus der Lebensgeschichte des aus Mugu stammenden Lamas sByin pa thar phyin (1499-1581) geht hervor, daß letzterer den Abt der Lang Gompa, Blo gros rgyal mtshan, unterrrichtete. Für die Gründung der Lang Gompa gibt es allerdings einen früheren terminus ante quem: Im Kolophon des Bandes ra der s¨tra-Abteilung im alten Kanjur der Lang Gompa heißt es, dass der Abt Byang chub bshes gnyen diesen Band unter dem König von Mustang bKra shis mgon (gest. 1489) anfertigte.
Mit Hilfe des untersuchten Materials lassen sich nicht nur die Genealogien der Lamas von der Lang- und Näsar-Gompa bis zum 17. Jahrhundert fast vollständig angeben, sondern auch das Verhältnis von Dolpo zu seinen Nachbarn Jumla und Mustang genauer fassen. So war z.B. die Kontrolle der Mustang R˜jas über Dolpo nach 1790 ausgeprägter als bislang angenommen.

Stand 11. Februar 2001