DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Zentralasien
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 21. Februar 2001

Ingeborg Baldauf (ingeborg.baldauf@rz.hu-berlin.de) / J.-U. Hartmann (juhartmann@lrz.uni-muenchen.de):
Religion und Identität in Zentralasien




V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Annette Krämer:
Initiationserzählungen usbekischer otins

Otins (bzw. bibi-xalife, xalfa, oy(i)mullo) sind weibliche religiöse Älteste, denen auch im heutigen Usbekistan eine wichtige gesellschaftliche Funktion zukommt. Vor allem in den verschiedenen Trauerriten gelten sie - ihre Rezitationen und Predigten - nach wie vor als unentbehrlich. Unter den im Rahmen mehrerer Feldforschungen (1996 - 1998) gesammelten Materialien erwiesen sich vor allem biographische Interviews als spannende Quelle, die eine Rekonstruktion typischer otin-Laufbahnen zuließen. Charakteristisch für den Werdegang dieser 'weisen Frauen' sind dabei spezielle Berufungserlebnisse, auf denen das Selbstverständnis der Frauen, ihre "otin-Identität", beruht. Von diesen Erlebnissen berichten die Informantinnen in Form von Initiationserzählungen, die nicht zuletzt auch der Legitimation nach außen dienen - im Blick auf die Gemeinschaft wie auf die westliche Forscherin, der sie vorgetragen wurden.

Aschirbek Muminov:
Bedeutung und Stellung der hanafitischen Religionsgelehrten im urbanen Leben Bucharas und Samarkands im 8.-13. Jahrhundert

In meinem Vortrag untersuche ich die Bedeutung der Religionsgelehrten der hanafitischen Rechtsschule für den Ausgleich der Kräfte und Interessen zwischen den verschiedenen Schichten der städtischen Bevölkerung von Buchara und Samarkand und den Machtinstanzen im 8.-13. Jahrhundert. Hierzu werden die eigenen Werke der Rechtsgelehrten, historiographische und biographische Literatur, innertextliche Hinweise verschiedener Art in mittelasiatischen handschriftlichen Kodizes, epigraphisches Material und andere Quellen ausgewertet.
Der Akzent liegt auf folgenden Aspekten der Tätigkeit der hanafitischen Gelehrten:

  • der Prozeß der Islamisierung der einheimischen Bevölkerung und die Stellung der Hanafiten in diesem Prozeß
  • die Frage nach der Zusammenarbeit mit den Machtinstanzen und das Verhältnis der verschiedenen hanafitischen Gruppen zu diesen
  • das Verhältnis zu den ahl-i hadith und die ersten Versuche, die hanafitischen Lehre zu traditionalisieren
  • der Prozeß, der einheimischen Bevölkerung die Grundlagen der islamischen Lehre unter Berücksichtigung der lokalen Gebräuche, sozialen Lebensnormen und religiösen Erfahrungen nahe zu bringen
  • der Konflikt mit den Gelehrten der schafiitischen Rechtsschule und die weitere Verfeinerung und Kodifizierung der Normen des hanafitischen Rechts mittels ihrer Normierung und Traditionalisierung
  • das Bild des "geistlichen Lehrers" und die Diskussionen der Hanafiten mit den Vertretern asketisch-mystischer Richtungen
  • die "alten oberen Stände" in der "neuen islamischen Gesellschaft": Maula, Dihkan, Xwadja, Saiyid
In chronologischer Hinsicht läßt sich die hanafitische Tradition in den beiden Städen in 4 Perioden teilen:
  1. Frühe Periode (8.-9. Jahrhundert). Die aus bisher wenig genutzten Quellen - die "Ma'alim ad-din" des Muhammad ibn Isma'il as-Samarkandi (9.Jh.), "Kashf al-asar" von al-Subadmuni (st. 952) und die "Raudat al-`ulama" von az-Zandawisati (Anfang des 11. Jh.) gezogenen Informationen erlauben es, das Leben der frühen hanafitischen Gemeinde zu verfolgen, das sich um die ersten Moscheen von Buchara und Samarkand konzentrierte
  2. Übergangsperiode (10. Jh.). Die Samaniden, die sich bemühten, eine neutrale Position im Konflikt der verschiedenen religiösen Gruppierungen zu wahren, waren angesichts der qarmatischen Bedrohung jedoch gezwungen, sich auf die Hanafiten zu stützen. Es läßt sich der Zusammenschluß der Oberhäupter der fuqaha der einzelnen Stadtviertel unter dem Oberhaupt der Hanafiten (ra'is al-Hanafiyya) beobachten
  3. Klassische Periode (11.-12. Jh.). Bemerkenswert sind die Aktivitäten von hanafitischen Familienclans auf vielen Ebenen - Shams al-A'imma, as-Saffar, Saiyids, Sadren, al-Pazdawi, al-Marghinani und andere. Die internen Auseinanderseztungen der verschiedenen religiösen Gruppen regten die Entstehung von über 200 Werken aus verschiedenen Gebieten des Rechts an, die später zu Klassikern wurden
  4. Nachklassische Periode (13. Jh.). Als Ergebnis des schrittweisen Verfalls der vormongolischen städtischen Gesellschaft beginnt eine lange Krise und Niedergang der Tradition des fiqh in dieser Region und eine Umwandlung der wissenschaftlichen Tradition in Scholastik. Verstärkt wanderten mittelasiatische Rechtsgelehrte in die Städte Syriens, Ägyptens und Kleinasiens ab


Antonio Terrone:
Identity and Self-Representation in Treasure. Movements of contemporary Tibet

The unearthing of soteriological artifacts (sa gter), and the spiritual teachings (dgongs gter), revealed in a sort of mnemonic process by chosen Treasure Masters (gter ston), belong to what has become known as the Treasure (Tib. gter ma) Tradition in Tibetan religio-philosophical thought. This practice is predominantly carried out within the visionary and contemplative movements belonging to the rNying ma school. The gter ma tradition can be traced back to the twelfth-century when the first epic and spiritual narratives were discovered as revealed treasures (gter ma), and since has passed through several development stages and it is still evolving today.
The current practice of Treasure Discovery is performed in today's Tibet, and modern-day Treasure Masters (gter ston) can be found in the nomad inhabited highlands of north-eastern Tibet, namely Khams and Amdo. In these regions gter ston-s populate primarily isolated regions where they promote intense activities of both material and spiritual revelation. As in the past, gter ma practice can somehow considered both politically subversive and culturally reactionary, relying, as it does, on mythological archetypes. gTer ma discovery is rigid and fluid at the same time employing patterns revealed both in their physical and mental experience.
Both full-vow monk discoverers and hermit-type lay tantric Treasure Masters are active in Tibet today. And though the existence of the tradition and the high number of its proponents is indicative of the intense intellectual activity in a region that has suffered decades of both ethnic and cultural harassment, these two groups (lay tantrics/monks), are themselves indicative of different activities following their own momentum in dealing with their respective models of reality. Thus in their lifestyle, some modern Treasure Masters stress the philosophical-speculative (rational) aspect; some others, highlight the contemplative-experiential (mystic) aspect of their practice.
This paper is a preliminary report on recent fieldwork (July-November 2000) in various rNying ma communities in the regions of northern Khams, southern Amdo, and mGo log, today politically and geographically classified as Qinghai and Sichuan Provinces of the People's Republic of China.