DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Zusammenfassungen / Abstracts
der fächerübergreifenden Panels
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 28. Februar 2001

Ulrike Freitag (uf@soas.ac.uk):
Die Produktion von Wissen im Nahen


V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:


Thomas Eich:
Abu l-Huda al-Sayyadi - Erzreaktionär oder Radikalreformer?
Abu l-Huda (1850-1909) war ein syrischer Rifa´i-Shaikh, der innerhalb weniger Jahre eine Karriere vom unbedeutenden Dorfsufi zum Berater Abdulhamids II. schaffte. In der Literatur wird er gewöhnlich als panislamistischer Propagandist und obskurantistischer Reaktionär beschrieben. Zwei Schlaglichter auf die sozialen Beziehungen Abu l-Hudas stellen diese Interpretation in Frage. Die frühen Jahre seiner Karriere wurden durch Kontakte zu reform-orientierten Gelehrtenkreisen in Damaskus ermöglicht. Nach seinem Aufstieg zu Einfluß in Istanbul unterstützte er durch die Vergabe von Stipendien und Lehrerposten vor allem im Irak Gelehrte, die später als religiöse Reformer internationale Bekanntheit erlangten. Die Dichtomisierung von reformistischen und reaktionären Intellektuellen, die der gängigen Interpretation der arabischen Geistesgeschichte um 1900 zugrunde liegt, wird damit in Frage gestellt.

Benjamin Fortna Representations of Reading in the Late Ottoman Empire
This paper addresses the various ways in which learning to read and reading were depicted in texts prepared for late Ottoman children. In spite of the increasingly manifest view that reading-and the concepts of education, knowledge, and progress which depended upon it-was necessary as a collective, societal activity, reading nevertheless remained a largely individual pursuit. In order to examine the tension between the collective and the individual approaches to reading and to explore the various reasons, both explicit and implicit, behind the impulse toward reading, this paper draws on largely unexplored children's periodical literature and textbooks or reading primers, with occasional reference to the better known autobiographical literature. By concentrating on the ways in which reading was depicted both textually and visually we can glean a variety of insights into the production of knowledge intended for the youngest members of this changing society.
Such an attempt to recover several aspects of the history of reading in this period reveals a number of findings. First, this study demonstrates that even very young children were exposed to various types of reading. Reading is shown to be something both extremely serious-sometimes even to the point where the future of the society is seen to be at stake-and also a source of entertainment and leisure. By looking at both serious and humorous or satirical depictions of the process of learning to read, for example, we can sampIe a variety of attitudes towards such subjects as education, hierarchy, and social change. Secondly, by revealing the remarkable degree of juxtaposition of such various attitudes toward reading, this paper is able to go on to explore the suppositions implicit in the acts of learning to read and then reading itself. Sometimes even within the same few pages of a children's magazine we can find starkly differing images and perceptions of what reading is meant to do, both for the individual and for the larger society. By examining these contrasts we are able to gauge the sometimes conflicting hopes and aspirations with which late Ottoman society invested the subject of reading.

Ulrike Freitag:
Internationale Wissenschaftskooperation eines mekkanischen Muftis im 19. Jahrhundert
Der gebürtige Mekkaner Ahmad b. Zayni al-Dahlan (1817/18 - 1886) war zwischen 1871 und seinem Tod der schafi'itische Mufti von Mekka. In dieser Funktion unterhielt er intensive Kontakte in all jene Teile der islamischen Welt, in denen Angehörige der schafi'itischen Rechtsschule lebten. Er unterrichtete sie oder empfing sie während der Pilgerfahrt, er beantwortete ihre rechtlichen Fragen in Fatwas und er unterhielt Korrespondenz mit den herausragenden Gelehrten seiner Zeit. Nebenher verfaßte er ein umfangreiches Werk an religiösen und historischen Schriften.
Ein Briefwechsel mit seinem Schüler, dem jemenitischen Gelehrten und Lokalpolitiker Ahmad b. Hasan al-'Attas (1841-1915), gibt einen sonst seltenen Einblick in die Art und Weise, wie islamische Gelehrte des späten 19. Jahrhunderts wissenschaftlich kooperierten. Der Briefwechsel zeigt, wie sie Meinungen über zeitgenössische theologische Fragen austauschten, in Bibliotheken füreinander recherchierten, sich Literatur zuschickten und gegenseitig ihre Werke Korrektur lasen. Dabei ensteht gleichzeitig ein konkretes Bild der akademischen Lehrer-Schüler Beziehung, welche die biographische Literatur in meist stereotyper Weise prägt und die ein wichtiger Bestandteil islamischer Netzwerke ist.

Christoph Herzog:
Zensur und Wissen: Einige Vorüberlegungen zur osmanischen Mediengeschichte unter Abdülhamid II.
Die Produktion, Vermittlung und Aufnahme von Wissen hängt von Medien ab. Sich mit Mediengeschichte zu beschäftigen, heißt darum, sich mit den Produktionsbedingungen von Wissen zu beschäftigen. Eines der im Zusammenhang mit der Mediengeschichte unter Abdülhamid II. am häufigsten gebrauchten Schlagworte lautet "Zensur". Dieses Schlagwort steht häufig im Kontext einer Bewertung des Hamidischen Regimes, die ursprünglich von seinen politischen Gegnern, etwa den Jungtürken, formuliert wurde. Von der historiographischen Revision dieses Urteils über die Abdülhamidzeit ist auch die Frage nach der Zensur und den Produktionsbedingungen von Wissen betroffen. Dabei ist aber keineswegs klar, wie diese Zensur im einzelnen funktionierte. Das Postulat eines systematischen Funktionierens von Zensur kann sich zwar auf das Vorhandensein von Zensurbehörden im Hamidischen Regime berufen. Solche institutionellen Ansätze waren aber jedenfalls überlagert von informellen Prozessen im Yildiz-Palast, persönlichen Netzwerken von Protektion und Interessen. Weiterhin war die Macht des Hamidischen Staates gegen oppositionelle Bewegungen vorzugehen, beschränkt. Dies zeigt sich insbesondere in den osmanischen Provinzen, etwa im Irak, wo sich etwas überspitzt behaupten ließe, daß das reibungslose Funktionieren der osmanischen Zensur von der Mitarbeit des britischen Konsuls abhing. Im übrigen gilt auch für das Osmanische Reich unter Abdülhamid, daß sich das Phänomen von Zensur keineswegs auf einen von ganz oben nach ganz unten durchgreifenden Prozeß beschränkt, sondern auch ein breites Spektrum von Denunziation, Opportunismus und vorauseilendem Gehorsam minderer Funktionsträger umfaßt. Schließlich muß berücksichtigt werden, daß die dreißig Jahre Regierungszeit von Abdülhamid keinesfalls als monolithischer Block bestimmter Herrschaftspraktiken anzusehen sind. In jedem Fall stellt sich die Frage nach der Hamidischen Zensur in zwei Richtungen: Ausgehend von angeblichen oder tatsächlichen normativen Richtlinien aus dem Yildiz-Palast wäre zu untersuchen, ob und wieweit diese tatsächlich in der Praxis Anwendung fanden. Zum anderen muß bei aufgefundenen Einzelbeispielen konkreter Zensur stets gefragt werden, wo ihr Ursprung eigentlich zu lokalisieren ist. Nicht in allen Fällen wird dabei auf den Yildiz-Palast zu deuten sein. Die systematische Untersuchung der Mediengeschichte unter Abdülhamid steht noch aus. Angesichts der zentralen Bedeutung der Abdülhamidzeit für den Prozeß der Modernisierung des Osmanischen Reiches ist ein genaueres Verständnis der Bedingungen der Produktion von Wissen in dieser Zeit ein Desideratum. Die Untersuchung von Zensur bietet, meiner Ansicht nach, einen geeigneten Einstiegspunkt für ein solches Unternehmen.

Konrad Hirschler:
Die soziale Welt eines spät-ayyubidischen Historikers: Ibn Wasil (st. 1298)
Chroniken und biographische Lexika sind die Hauptquellengattungen, die für lange Perioden islamischer Geschichte zur Verfügung stehen. Für eine Anzahl von diesen Quellen wurde die Überlieferungsgeschichte der verschiedenen Textvarianten in quellenkritischer Tradition erforscht. Darüberhinausgehende Studien legen den Schwerpunkt stark auf literarische Fragestellungen, insbesondere auf den Zusammenhang von diesen Texten mit anderen Textgattungen.
Dabei wurden die sozialen Kontexte, in denen sie entstanden mit weniger Aufmerksamkeit bedacht. T. Khalidis "Arabic Historical Thought" (1994) stellt mit seiner Betonung auf den gesellschaftlichen Kontext der arabischen Geschichtsschreibung in dieser Hinsicht einen Wendepunkt dar. Problematisch ist aber die Undifferenziertheit, mit der lange Perioden arabischer Geschichtsschreibung in ungenau definierte Kategorien eingeteilt werden.
Mittels einer detaillierten Fallstudie wird in diesem Vortrag die soziale Stellung von Chronisten im 7./ 13. Jahrhundert problematisiert. Ansatzpunkt ist dabei die Tatsache, daß viele Chroniken dieser Periode generell als Panegyriken beschrieben werden. Dem liegt die Annahme zugrunde, daß der Chronist in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zu dem jeweiligen Patron stand und dementsprechend die Verherrlichung des Herrscherhauses eine der Hauptintentionen der Autoren war.
Ibn Wasil schrieb seine Chronik "Mufarridj al-kurub fi akhbar bani Ayyub" Ende des 7./ 13. Jahrhunderts für einen der lezten Ayyubidischen Herrscher, al-Malik al-Mansur Muhammad von Hamah (st. 1284). Zu dieser Zeit war er Qadi al-Quda der Stadt Hamah - eine Position, deren Inhaber formell vom Herrscher eingesetzt und gegebenfalls abgesetzt wurden.
Eine Untersuchung von Ibn Wasil's Kontakten mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zeigt allerdings, daß er über eine wesentlich stabilere soziale Position verfügte, als die formelle Beschreibung seiner Position impliziert. Im Laufe seines Lebens war er mittels seines Netzwerkes in der Lage, Positionen an verschiedenen Höfen in Syrien und Ägypten zu erlangen. Dabei spielte sein Verhältnis mit dem jeweiligen Herrscher eine entscheidene aber keine exklusive Rolle.
Aufgrund dieser relativ stabilen Position verfügte er in der Abfassung seiner Texte über einen bedeutenden Handlungsspielraum. Dementsprechend kann seine Chronik nicht nur als ein Panegyrikus gelesen werden, sondern auch als eine kompetente Interpretation der zeitgenössischen Gesellschaft. Es ist in den letzten Jahrzehnten deutlich geworden, daß eine Begrenzung der Geschichtswissenschaft auf Herrschergeschichte nicht ausreichend ist. In Abwesenheit von neuen Quellengattungen kann mittels einer sozialen Kontextualisierung die Mehrdeutigkeit existierender Texte greifbar gemacht werden. Dies könnte neue Perspektiven auf Handlungsfelder gelehrter Schichten jenseits einer Schwerpunktsetzung auf die Herrscherebene eröffnen.