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die Koordinatoren des Orientalistentages |
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Joachim Gentz: Tagewählerei
Die Tagewählerei, die kulturelle Praxis, das Gelingen bestimmter Handlungen von kalendarisch definierten
günstigen oder ungünstigen Tagen abhängig zu machen, findet sich als eigenes Genre von Texten
in verschiedenen antiken Kulturen. Es liegt uns damit ein Quelltypus vor, der einerseits auf dem gemeinsamen
Axiom, daß Tage qualitativ bestimmt sind, aufbaut; gleichzeitig ist die Tagewählerei jedoch kulturell
determiniert und tritt in unterschiedlichsten Ausprägungen auf. Gerade dieses besondere Zusammenspiel von
gemeinsamer Grundannahme bei unterschiedlicher kultureller Ausprägung in diesen Texten bietet die
Möglichkeit, auf spezifische Eigenheiten wie auf Gemeinsamkeiten der einzelnen Kulturen
zurückzuschließen. Die Tagewählerei eignet sich daher methodisch besonders gut für einen
interdisziplinären Vergleich.
V O R T R Ä G E I N D E M P A N E L:
Nils Heeßel: Tagewählerie in Babylonien und Assyrien
In vier Vorträgen sollen Bestand, Inhalte sowie kultureller Kontext von Hemerologien aus Mesopotamien,
Ägypten, China und dem jüdisch-christlich-manichäischen Raum dargelegt und auf ihre
divinatorische Rationalität und Systematik hin analysiert werden.
Das kulturelle Phänomen der qualitativen Bewertung des Kalenders hat in Mesopotamien eine lange Tradition, deren Ursprung von den babylonischen Gelehrten des frühen 1. Jt. v.Chr. den vorsintflutlichen "sieben Weisen" zugeschrieben wurde. Schon im ausgehenden 3. Jt. v.Chr. finden sich Textbelege für die Beachtung von günstigen und ungünstigen Tagen und Monaten bei Grundsteinlegungen, wohingegen theoretische Texte über die Qualität einzelner Tage (Hemerologien) oder Monate (Menologien) erst seit der Mitte des 2. Jt. v. Chr. belegt sind. Die zahlreichen Texte, die günstige und ungünstige Zeiten behandeln, unterscheiden sich formal wesentlich voneinander und reichen von einfachen Listen von günstigen Tagen zu umfangreichen 'Serien', die in über tausend Einträgen Voraussagen über das Gelingen von unterschiedlichsten Handlungen in den verschiedenen Monaten und Tagen machen. Der besonderen altorientalischen Stellung des Herrschers wird hierbei Rechnung getragen, indem eine Serie ausschließlich den Handlungen des Königs an den 360 Tagen des Jahres gewidmet ist, während andere Texte dies fasti für den Privatmann behandeln. Schon im 2. Jt. v. Chr. läßt sich die Tendenz feststellen, daß die Theorie der Tagewählerei andere Textgruppen und divinatorische Praktiken beeinflußt. Über reine Vorschriften über günstige Tage zur Ausübung von divinatorischen Praktiken oder zur Durchführung von Ritualen hinaus, wird im 1. Jt. v. Chr. sogar die Ausdeutung von Orakel- und Omenbefunden, von Krankenuntersuchungen und von Himmelserscheinungen von günstigen oder ungünstigen Tagen abhängig gemacht. Hier wird zu beleuchten sein, wie und ob die wachsende Bedeutung der Tagewählerei in Beziehung zum Anwachsen des astronomisch-astrologischen Interesses der babylonisch-assyrischen Gelehrten im 1. Jt. v. Chr. steht.