Beatrice Gründler (beatrice.gruendler@yale.edu) / Verena Klemm (Kverena@aol.com):
Theoretische Wege zu den Literaturen des Vorderen Orients. Neue Perspektiven und Projekte
Aus Anlass des 28. Deutschen Orientalistentags vom 26.-30. März 2001 wird sich wieder das Forum "Theoretische Wege
zu den Literaturen des Vorderen Orients" mit erweitertem Programm treffen. Alle Wissenschaftler/innen (auch
Examenskandidat/innen) aus dem Gebiet der Literaturen Asiens und Nordafrikas sind herzlich zur Mitarbeit eingeladen.
Im Rahmen des Treffens sind folgende Veranstaltungen vorgesehen:
Auftaktveranstaltung: Das Forum Theoretische Wege zu den Literaturen des Vorderen Orients - Neue Impulse für eine interdisziplinäre
Literaturwissenschaft: Standortbestimmung und Ideen zur zukünftigen Kooperation (weitere Treffen, Internet-Forum,
literaturwissenschaftliche Reihe: Literaturen im Kontext: Arabisch, Persisch, Türkisch im Reichert-Verlag Wiesbaden
und anderes) (Leitung: Verena Klemm, Friederike Pannewick, Christian Szyska u.a.)
Arbeitskreis: Theoretische Wege zur den Literaturen des Vorderen Orients: Neue Perspektiven und
Projekte:
Präsentation und Diskussion laufender bzw. neuer Projekte. Leitung: PD Dr. Verena Klemm (kverena@aol.com) (Ankündigung s. unten)
Panel: Interkulturalität und Intertextualität: Die Entstehung von Grenres durch Transkulturelle
Interaktion.
Leitung und Organisation: Dr. Friedrike Pannewick, Christian Szyska, Dr. Natascha Vittinghoff.
Schlussrunde: Resümé und Ausblick
Die genauen Termine der genannten Veranstaltungen werden in Zusammenarbeit mit den DOT-Veranstaltern festgelegt und rechtzeitig vor dem DOT bekanntgegeben.
Der Arbeitskreis Theoretische Wege zu den Literaturen des Vorderen Orients - Neue Perspektiven und Projekte
ist eine Initiative, die vor allem Wissenschaftler/innen aus dem Gebiet der vorderorientalischen Literaturen anspricht.
Sie gibt Gelegenheit, neue Forschungsprojekte (auch Examensarbeiten) vorzustellen und ausführlich mit den anderen
Teilnehmer/inne/n zu diskutieren. Der Schwerpunkt der Präsentation soll auf dem theoretischen bzw. methodischen Aspekt liegen.
Sie soll sich auf ca. 20 Minuten beschränken. Danach findet eine Diskussion statt.
Mit dem geplanten Arbeitskreis wird eine Veranstaltung fortgesetzt, die bereits bei den DOTs 1995 und 1997
stattgefunden hat. Anlaß zur Gründung des Arbeitskreises war die Lage in der Arabistik, die ihre theoretischen
Anregungen immer mehr aus anderen Fächern, wie z.B. der allgemeinen Literaturwissenschaft, bezieht. Diese
Interdisziplinarität bedeutet zugleich die Konfrontation mit einer Vielfalt unerprobter neuer Herangehensweisen.
Sie stellt jede/n Wissenschaftler/in vor die Anforderung, die Kompatibilität einer fachfremden Methodik für das
eigene Forschungsprojekt zu prüfen. Auch der für den DOT 2001 geplante Arbeitskreis soll wieder Gelegenheit dazu
geben, innovative Projekte vorzustellen und dabei auch grundlegende Fragen bei der Anwendung und Produktivität einer
speziellen Theorie/Methodik zu diskutieren. Inzwischen ist der Arbeitskreis ein fächerübergreifendes Forum, das
zur Vermittlung und Diskussion literatur- und kulturwissenschaftlicher Theorie innerhalb der Orientwissenschaften einlädt.
Eine von Hilary Kilpatrick angefertigte Zusammenfassung der Präsentationen beim Arbeitskreis in Leipzig ist in
Arabic and Middle Eastern Literatures (Januar 1998) erschienen. Aus den Treffen in Leipzig und Bonn 1997 ist
eine Publikation hervorgegangen: Understanding Near Eastern Literatures - A Spectrum of Interdisciplinary Approaches
(eds. Verena Klemm/Beatrice Gruendler). Das Buch eröffnet als Theorieband die neue Literatur-Reihe "Literaturen im
Kontext: Arabisch, Persisch, Türkisch" (Hrsg. von Angelika Neuwirth, Rotraud Wielandt, Birgit Embaló, Renate Würsch)
Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden (2000). (Zu dem Buch s. auch http://members.aol.com/mideastlit)
Verena Klemm
V O R T R Ä G E I N D E M A R B E I T S K R E I S:
Olcay Akyildiz: Okzidentalismus in der türkischen
Literatur
"Orientalism has been accompanied by instances of what might be termed Occidentalism, a discursive practice that, by constructing its Western other, has allowed the Orient to participate actively and with indigenous creativity in the process of self-appropriation, even after being appropriated and constructed by western Others. [...] This seemingly unified discursive practice of Occidentalism exists in a paradoxical relationship to the discursive practices of Orientalism, and in fact, shares with it many ideological techniques and strategies."
(Occidentalism: A Theory of Counter-Discourse in Post-Mao China, Xiaomei Chen)
Die Frage: Gibt es im "Orient" einen Diskurs, der dem Orientalismus entspräche?
In meiner Doktorarbeit versuche ich, diese Frage zu beantworten, und zwar bezogen auf den osmanisch-türkischen Fall. In dieser Arbeit untersuche ich die Wahrnehmungen des Westens, das Bild des Westens und den Diskurs über ihn, wie sie sich im osmanischen-türkischen Denken zwischen umgefähr 1860-1960 herausgebildet hat. Dabei stelle ich die in literarischen Werken reflektierten Formen und ihre literarischen Konkretisierungen in den Vordergrund.
In meinem Beitrag für den DOT werde ich jedoch eher den allgemeinen theoretischen Rahmen meiner Arbeit zur Diskussion stellen. Beispielhaft soll der problematische Begriff "Okzidentalismus" diskutiert werden. Wenn von einem Diskurs die Rede ist, erwartet man -Foucault zufolge- ein Machtverhältnis. An diesem Punkt fängt das Problem an. Die allgemeine Tendenz lautet, man könne nicht von einem Okzidentalismus-Diskurs reden, weil der Orient über den Westen keine Macht ausübt. Meine Einwendung zu diesem Punkt ist, dass ein Diskurs geführt werden kann, ohne einen direkten Machtwillen über das "Andere" zu haben. Das Ziel des Diskurses kann zum Beipiel nach Innen gerichtet sein. Im osmanisch-türkischen Fall gab es neben den jeweiligen Machtverhältnissen, die auch existierten, einen weiten Begriff der "Verwestlichung" oder "Europäisierung", welcher auf zweckdienliche Art und Weise gefüllt werden mußte, damit der Begriff "Westen" je nach Bedarf eingesetzt werden konnte.
In vielerlei Hinsicht sind die beiden Diskurse - Orientalismus und Okzidentalismus - sehr unterschiedlich. Die Traditionen sind verschieden, das Machtverhältnis hat sich, besonders um die Jahrhundertwende, umgekehrt. Merkwürdig und erstaunlich aber ist, daß unterschiedliche Traditionen und unterschiedliche Motive zu einem ähnlichen Ergebnis führten. Trotz der Unterschiede sind gemeinsame Methoden, das "Andere" zu beschreiben, zu reflektieren oder zu konstuieren, zu beobachten. Es gibt viele Sätze, in denen man nur einige Begriffe auszutauschen braucht, und das Resultat ist eine umgekehrte Wahrnehmung der/des "Anderen". Edward Said hat in seinem Buch Orientalism häufig darauf hingewiesen, dass der "Orient" immer weiblich dargestellt, stumm und passiv gesehen oder gemacht wurde. Würden die Romane aus der tanzimat-Periode mit diesen Schlüsselwörtern im Kopf gelesen, so wird herauskommen, dass Europa in der Regel fast immer weiblich reflektiert geworden ist. Die europäischen Romanheldinnen repräsentieren den Westen als weiblich. Aber passiv ist der Westen nicht. Einerseits der passive, geheimnisvolle, weibliche "Orient" - anderseits der teuflische, attraktive aber doch wieder weibliche "Okzident". Beide sind gefährlich für einander. Eine ist die Geheimnisvolle und Dunkle und deswegen gefährlich. Und die andere ist sinnlich und attraktiv und daher gefährlich.
Ich werde versuchen, diese Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen "Orientalismus" und "Okzidentalismus" zu diskutieren, indem ich Beispiele und Tendenzen aus der türkischen Literatur verwende.
Zum Schluss: Nicht nur der Orient wurde essentialistisch und simplifizierend dargestellt. Nicht nur der Orientalismus ist eine Denkweise, "die auf einer ontologischen und epistomologischen Unterscheidung basiert, die zwischen 'dem Orient' und 'dem Okzident' gemacht wurde". Sondern genauso bildet sich Okzidentalismus aufgrund dieser Unterscheidung - anderseits versucht er aber, diese Unterscheidung aufzuheben. (Verwestlichung, Europäisierung)