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die Koordinatoren des Orientalistentages |
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Daß die islamischen Bildungsinstitutionen und die religiösen Gelehrten zu den zentralen Forschungsfeldern der Islamwissenschaft
gehören, ist für islamische Geschichte bis ins 18. Jahrhundert hinein selbstverständlich. Bei Betrachtung der
tiefgreifenden Wandlungsprozesse, die die islamischen Staaten und Gesellschaften seit dieser Zeit erfaßten, wird
die Rolle der Gelehrten dagegen vielfältig und schillernd, ihre Bewertung umstritten. In vielen Staaten
blieben sie eng mit Bildung, Rechtsprechung und Stiftungswesen verbunden und damit in den Staat integriert.
Zugleich rückten sie verstärkt in den Mittelpunkt religiöser und politischer Bewegungen, die die Strukturen
von Staat und Öffentlichkeit und das kulturelle Leben nachhaltig veränderten. Dies galt auch unter den
Bedingungen europäischer Hegemonie und Herrschaft und setzte sich z.T. auch in den späteren
Nationalstaaten fort. Religiöse Gelehrte und ihre Schülerschaft beteiligten sich aktiv an den Verfassungsbewegungen
des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und waren auch später in politischen Bewegungen unterschiedlichster
Ausrichtung vertreten. Kulturelle und ethische Wertvorstellungen blieben auch dort stark von der islamischen
Bildungstradition geprägt, wo der politische und institutioneller Einfluß der religiösen Gelehrten zurückging und
wo ihr Wirken vom Staat eingegrenzt oder gar bekämpft wurde. Während sie gegenüber den neuen Bürokratien und
Bildungseliten in manchen Staaten drastisch an Einfluß und Ansehen verloren, schufen sie anderswo einen wachsenden
Sektor privater islamischer Schulen, der heute eine wichtige Basis für die Gründung neuer ziviler und kommunaler
Organisationen darstellt. Damit gewinnen sie besondere Bedeutung für die islamische Dispora in aller Welt und
für die Bemühungen islamischer Minderheiten um eine Konsolidierung ihrer sozio-kulturellen Identität.
Die vielfältigen Aktivitäten der religiösen Gelehrten seit dem 18. Jahrhundert entziehen sich gängigen Mustern von
Fortschritt und Reaktion, Tradition und Moderne.
Michael Kemper & Stefan Reichmuth
Bekim Agai: Neue Organisationsformen islamischen Gemeindelebens: Das Bildungsnetzwerk des
türkischen Predigers Fethullah
Gülen
Claudia Preckel:
Indische Wahhabiten - Wahhabiten in Indien? Der zentralindische Fürstenstaat Bhopal als Zentrum der Ahl-e hadith-Bewegung
(19. Jh.)
Michael Kemper / Stefan Reichmuth:
Religiöse Gelehrte im Strukturwandel islamischer Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert
Im vorliegenden Panel sollen die verschiedenen Ansätze und Erträge der Forschung über religiöse Gelehrte aus verschiedenen islamischen Regionen und Epochen zusammengeführt
und diskutiert werden. Die Fülle biographischer und dokumentarischer Quellen zu islamischen Gelehrten und
ihren Aktivitäten, die in den letzten Jahrzehnten neu erschlossen wurden, bietet besonders vielversprechende
Perspektiven für die Kooperation und den Austausch zwischen Philologie und Sozialwissenschaft.
Ruhr-Universität Bochum, Seminar für Orientalistik und Indologie
Universitätsstrasse 150-GB 2/29, D-44780 Bochum
V O R T R Ä G E I N D E M P A N E L:
Fethullah Gülen ist ein zeitgenössicher türkischer Prediger, dessen Anhänger sich seit den 80er Jahren im Aufbau von staatlich anerkannten - in den meisten Fällen rein säkularen Bildungseinrichtungen - in der Türkei und im Ausland engagiert haben. Das rapide Wachtum, die räumliche Ausdehnung sowie die Tatsache, daß es sich hier um eine islamische Bewegung handelt, die sich im staatlich vorgegebenen, säkularen Bildungsbereich engagiert, ließ die Bewegung zum Objekt zahlreicher Spekulationen werden.
Der Vortrag soll die Frage beantworten, welche Faktoren die Entstehung der Bildungseinrichtungen um Fethullah Gülen ermöglichten, hierbei kommt dem Strukturwandel der türkischen Gesellschaft, der nach den Reformen Atatürks einsetzte, eine entscheidende Bedeutung zu. Meine Hypothese lautet: Fethullah Gülen hat durch sein Wirken Menschen dazu gebracht hat, sich im Bildungsbereich zu engagieren und zu organisieren. Dies geschah auf drei Ebenen. 1. Er überzeugte Menschen von der Wichtigkeit von Bildung in weltlichen Wissenschaften als zentrales islamisches Konzept. 2. Neben der reinen Idee propagierte er auch Wege, um diese Idee umzusetzen. 3. Hierbei nutzte er bereits bestehende Gruppenstrukturen, verband aber auch Gruppen, die vorher nicht zusammen agierten unter seinem Banner. Hierdurch gelang es ihm den Unterstützerkreis für seine Ansichten zu erweitern.
Ein Kernelement des Erfolgs war es hierbei, daß klassische Formen des türkischen Gemeindelebens in einen neuen Organisationskontext übernommen wurden, der durch die veränderten Strukturen in der kemalistischen Gesellschaft notwendig geworden war. Die religiös-gemeinschaftlichen Strukturen aus der traditionellen islamischen Gesellschaft wurden an den säkularen Schulen rekonstruiert. Diese Umsetzung einer islamischen Position in den laizistischen Kontext wurde auch von dem türkischen Staat selbst gefördert und machte Fethullah Gülen zwischenzeitig zu einem islamischen Gelehrten mit hohem Einfluß auf den gesellschaftlichen Diskurs.
Der Vortrag wird der Frage nachgehen, welchen Einfluß Fethullah Gülen auf die beobachtbare Organisationsweisen und Inhalte der Bildung ausübte und welche weiteren Faktoren zur Entstehung seiner Bewegung mit ihren spezifischen Merkmalen beitrugen. Hierfür werde ich sowohl Erkenntnisse aus der Analyse von primären Gülen-Quellen verwenden, als auch auf Erkenntnisse aus Interviews mit verschiedenen Akteuren aus verschiedenen Bildungseinrichtungen. Eine Kombination des klassischen Quellenstudiums, mit Feldforschung und die Analyse unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten soll Aufschluß darüber geben, wie innerhalb von nur 20 Jahren neue Organisationsformen innerhalb des islamischen Gemeindelebens verwirklicht werden konnten.
Ende des 19. Jahrhunderts befand sich Shah Jahan, die Begum von Bhopal (reg. 1868-1901) unter besonderem Legitimationsdruck. Auf der einen Seiten versuchten die Briten, eine Ausweitung ihrer Herrscherinteressen zu erreichen. Auf der anderen Seite standen die Mitglieder der eigenen Sippschaft der Herrscherin, einer ursprünglich afghanischen Kriegerfamilie Letztgenannte hätten Bhopal lieber weiterhin in der Rolle des Kriegerstaates gesehen. Doch mit Shah Jahan, Begum war eine Frau an die Macht gekommen, die, anderes als ihre Vorgängerinnen, der Kriegskunst die schönen Künste vorzog: unzählige Poeten suchten Bhopal auf, Moscheen-, Palast- und Madrasenbau kamen zu einer neuen Blüte. Einen neuen Akzent in der religiösen Ausrichtung des Staates setzte Shah Jahan zudem mit ihrer zweiten Heirat 1871, als sie ihren Privatsekretär Muhammad Siddiq Hasan Khan al-Qannauji (1832-1890) zu ihrem zweiten Gatten machte. Dadurch wurde Bhopal - neben Delhi - zum Zentrum der Ahl-e hadith Bewegung, einer skriptualistischen Gelehrtenbewegung. Siddiq Hasan galt nunmehr als Gründervater der Bewegung und scharte in der Folgezeit mindestens 21 Anhänger der Gruppe um sich, die er mit Geld und Posten versorgte und - zunächst sogar mit Unterstützung der Briten -, zu einer neuen Bildungselite aufbaute. Hatte in Bhopals bisher die indigene Gelehrtentraditionen Shah Waliullahs (st. 1762) und Sayyid Ahmad Barelwis (st. 1832) vorgeherrscht, bestimmten nun auch die Ideen der arabischen Gelehrten Ibn Taimiya, Ibn Qayyim al-Jauziya und vor allem Muhammad b. 'Aliash-Shaukanis (st. 1834) den Diskurs. Dabei sah sich Siddiq Hasan gerne als mujtahid mutlaq an der Spitze einer Gelehrtenschaft, die einerseits die Herrschaft der Begum legitimierte, auf der anderen Seite von der Herrschaft finanzielle Unterstützung zum Aufbau eines großen Netzwerkes in die gesamte islamische Welt erhielt. Besondere Bedeutung kommt dabei den Beziehungen zu den bagdadischen Salafiten und zu den najdischen Wahhabiten zu, die sich ihrerseits eine Festigung ihrer Position in der arabischen Welt erhofften. Genau diese Kontakte waren es schließlich, die Siddiq Hasan und seine Anhänger in den Ruf brachte, indische Wahhabiten zu sein und den jihad gegen die Briten zu propagieren. Die Besuche prominenter Wahhabiten in Bhopal schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Innerhalb des Staates Bhopals vertraten die Gelehrten nach den Lehren Shaukanis und in geringerem Maße Muhammad b. 'Abd al-Wahhabs das Konzept eines Fürstenstaates, dessen Institutionen eng mit der islamische Reform verbunden waren.
Stefan Reichmuth: Beziehungen zur Vergangenheit: Murtadā az-Zabīdī (gest. 1791) und seine Archäologie islamischer
Kultur
Wir können in Europa im 17. und 18. Jahrhundert einen wachsenden archäologischen Trend feststellen, d.h. eine historisierende Haltung zu wichtigen Bereichen der eigenen Kultur und zu ihrer Rückbindung an die Antike oder gar an angenommene universale Ursprünge. Auch die Auseinandersetzung mit dem Orient und mit China fällt in diesen Trend, der mit der Entwicklung von Religion und Staat im Absolutismus ebenso zu tun hat wie mit den wachsenden Beziehungen zur außereuropäischen Welt.
An Murtadā az-Zabīdīs umfangreichem und weit gestreutem Werk soll gezeigt werden, wie sich bei bei einem islamischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, der über außergewöhnlich weitläufige gelehrte und sufische Beziehungen verfügte, über verschiedene philogische und religiöse Disziplinen hinweg eine allgemeine historisch-antiquarische Orientierung Platz schafft, die zum Vergleich mit den erwähnten europäischen Entwicklungen in besonderem Maße einlädt. Das Streben nach genealogischer Verifikation und nach der Identifikation von Ursprüngen umfaßt bei ihm vielfältige Bereiche islamischer Kultur, von Hadīth, Sufismus, Biographik und Geographie bis hin zu Künsten und Handwerken wie Kalligraphie, Lautenspiel und Bogenschießen. Es äußert sich auch in einer bemerkenswerten Quellenanalyse und Textkritik, sowie einer auffällig positiven Würdigung Chinas. Auffällig ist dabei auch die Fokussierung auf die eigene Person, die sich aus der genealogischen Methode ergibt. Neben Sammlung und Verifikation tritt aber auch die Weitergabe und Verbreitung der eigenen Schriften durch Ijāza, die denkbar großzügig und summarisch gehandhabt wird. Die persönlichen Beziehungen bilden den Kristallisationspunkt für genealogische, historische und im allgemeineren Sinne kulturelle Interessen, die man zusammengenommen als "archäologisch" bezeichnen kann. Sie bieten den Partnern -Zabīdīs ein Angebot zur Status-Aufwertung und zur Legitimation, das offensichtlich gern und gelegentlich voll Faszination angenommen wurde. Als Vertreter der Gelehrtenwelt des Indischen Ozeans in Kairo reflektiert -Zabīdī in seinem Werk den Aufstieg sharīfischer Familien, der sich im Zuge der Regionalisierung der Eliten im Osmanischen Reich und in Nordafrika, aber auch sharīfischen Staaten wie Marokko und Yemen sowie im Bereich von Ostafrika, Südasien, Südostasien vollzogen hatte. Zugleich zeigen sich bei Zabīdī viele Parallelen zu den historisierenden und enzyklopädischen Interessen und Projekten der Gelehrten des europäischen Barockzeitalters.