DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Turkologie und Osmanistik
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 21. Februar 2001

Hans-Lukas Kieser (hans-lukas.kieser@unibas.ch):
Das politische Vokabular in der Türkei (19./20. Jahrhundert)


Das politische Vokabular ist ein Indikator der Umbrüche im osmanischen und postosmanischen Raum. Ideologisch befrachtete europäische Begriffe veränderten im 19. Jahrhundert die islamisch geprägte Begriffswelt und wurden ihrerseits im 20. Jahrhundert konkurrenziert durch die Termini eines ethno-nationalistischen Sprachpurismus. Nicht nur einzelne Schlüsselwörter und Slogans, sondern ganze metaphorische Prägungen, namentlich positivistische und biologistische, markierten den diskursiven Wandel; sie formulierten Loyalitäten um, konstruierten neue Identitätsbezüge und legitimierten politische Akte. Dies trifft nicht nur auf den Diskurs der realpolitisch erfolgreichen Eliten zu, sondern, zumindest teilweise, auch auf denjenigen von Gruppen, die im 20. Jahrhundert kollektiv zu Opfern der dominanten jungen Nationalismen wurden. Die Panelbeiträge werden sich unter anderem mit den Ursprüngen des politischen Vokabulars im Osmanisch-Türkischen, der osmanischen Zeitungssprache Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Verfassungstext von 1876, den Slogans der jungtürkischen Revolution, der Sprache der politischen Gewalt und dem Diskurs des türkischen und kurdischen Nationalismus befassen. Auch den Aleviten gilt ein Beitrag. Namentlich die bedeutungsschweren Begriffe millet, vatan und devlet und die politischen Diskurse der Einheit und Bedrohung werden ausführlich und bis in die Gegenwart zur Sprache kommen.
Empfehlenswert als einstimmende Lektüre fürs Panel: Les mots du politique de l'Empire ottoman à la Turquie kémaliste. Etudes Turques et Ottomanes. Documents de travail, Nr. 8, Paris, Dezember 1999.



V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Heidemarie Doganalp-Votzi Der Staat und seine Untertanen. Verfassungsrechtlich-terminologische Definitionen anhand des osmanischen Verfassungstextes aus dem Jahr 1876
Im Text der ersten osmanischen Verfassung aus dem Jahr 1876 wird erstmals das Konzept des modernen Staates (Stichwörter: Rechtsstaat, Parlamentarismus, etc) durchgehend auf die Verhältnisse und Rahmenbedingungen des osmanischen Reiches ausformuliert, angewandt und gleichzeitig modifiziert. Dieses Experiment eines verfassungsrechtlich begründeten Staatswesens war bekanntermaßen nur von kurzer Dauer und von 'oben' lediglich aufgrund äußerer Umstände auferlegt. Nichts desto weniger oder vielleicht gerade deshalb sind diese für das osmanische Reich zu jener Zeit in einem offiziellen Text dargestellten Denkansätze sowohl hinsichtlich der politischen wie auch der geistesgeschichtlichen Entwicklung des osmanischen Reiches und der Republik Türkei von nicht unwesentlicher Bedeutung.
Der Interessensschwerpunkt des Vortrags wird mehr als in einer inhaltlichen Textanalyse in einer Begriffsanalyse liegen. Wie wird, so die Fragestellung, dieses neu zu strukturierende Staatswesen und seine konstituierenden Elemente beschrieben, welche Begriffe und Begrifflichkeiten werden dafür im Text verwendet? Es sind nicht die einzelnen neu einzurichtenden Staatsapparate, die dabei im Mittelpunkt stehen, sondern das Konzept des Staates selbst in den Aspekten seiner Definition/en.
Neben den verschiedenen Bezeichnungen für das osmanische Reich, wie sie im Verfassungstext auftauchen, wird es der Begriff devlet sein, dem in seinen unterschiedlichen Bedeutungs- und Verwendungsvarianten kontextuell besondere Betrachtung gewidmet sein wird. Dieser Begriff, der auch im rezenten Türkei-Türkisch vielfältige Bedeutungsnuancen beinhaltet und dem auch sozusagen fast etwas (Quasi-) Mystisches innewohnt, befindet sich in der von uns im Vortrag zeitlich und textuell fokusierenden Betrachtung in einem Wandel, der aufzuzeigen sein wird.
So gibt es zwar einen mannigfaltig schillernden Staatsbegriff, die Dimension des Politischen - im Sinne von gesellschaftlichen Parteiungen und Parteien - ist jedoch nur schwach ausgeprägt. Dies wiederspiegelt sich in den eher spärlichen Stellen, in denen das Volk, die Bevölkerung, die Untertanen erwähnt werden. Wie, auf welche Weise, in welchen Kontexten und mit welchen Begriffen sie dies werden, wird den zweiten Teil des Beitrags bilden.

Tobias Heinzelmann: Die Entwicklung des Begriffs vatan in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Wenn in den Balkankriegen und im Ersten Weltkrieg osmanische Soldaten zur Verteidigung ihres "vatan" kämpften, so war mit diesem Begriff ein Staatsgebilde gemeint - das Osmanische Reich. Seine Bedeutung glich in etwa dem deutschen "Vaterland" oder der französischen "patrie".
In den 1830er und 1840er Jahren sah dies noch anders aus. Nach ihrer Entlassung wurden Soldaten "in ihre Heimat zurückgeschickt", vatan war ein Synonym von memleket oder vilayet und bezeichnete eine Stadt oder ein Dorf, aber eben nicht einen Staat. Es ist ein Wort, das sehr häufig im Plural verwendet wurde. Deshalb ist zu prüfen, wie etwa jene Passage des Edikt von Gülhane zu verstehen ist, in der die Aushebung von Rekruten mit dem Hinweis auf die Verteidigung des "vatan" legitimiert wird.
In meinem Vortrag untersuche ich, in welcher Bedeutung der Begriff vatan in offiziellen osmanischen Quellen zwischen 1826 und 1856 verwendet wurde. In diesem Zusammenhang wird auch zur Sprache kommen, welche Rolle der Begriff "vatan" bei der Legitimierung der Wehrpflicht spielte.

Hans-Lukas Kieser Die Sprache politisierter Ärzte (1889-1923)
Dieser Beitrag befasst sich mit Schlüsselwörtern und neuen Diskursen, welche mit der jungtürkischen Bewegung politische Wirkkraft erlangten. Den wichtigsten Nährboden für die "neue politische Sprache" bildete die Mektebe-i Tibbiye-i Askeriye. Mein Beitrag fokussiert Texte namentlich von Ibrahim Temo, Mehmed Re?id und Riza Nur, sowie von Nuri Dersimi, einem an der Mülkiye Baytar Mektebi ausgebildeten Dersimkurden. Besondere Aufmerksamkeit findet Mülâhazât, ein Ende 1918 verfasstes apologetisches Schreiben des Arztes, Mitbegründers der unionistischen Partei und hohen Beamten des Weltkriegsregimes Dr. Mehmed Re?id. Begriffe wie tabiat, irk, Türklük, milli, hizmet, disiplin, medeniyet, hürriyet und istibdad und Wendungen wie varlik kavgasi, tezâyüd-i nüfus, millet-i hâkime, vatan-i Osmanî, imhâ-yi vatan, vatan haini und memleketi kurtarmak spielen in diesen Texten eine zentrale Rolle. Ziel ist es, die Sprache Re?ids und seiner Kollegen auf einem breiten kulturgeschichtlichen Horizont zu analysieren und die Herausbildung eines "medikalisierten" politischen Diskurses zu reflektieren. Die wichtigsten metaphorischen Übertragungen, welche im Fin de siècle dem Bedeutungsverlust der osmanisch-islamischen Symbolik mit neuen Sinngebungen zu begegnen suchten, waren diejenigen von wissenschaftlichem Vokabular, von Elementen des französischen Revolutionsmythos und von Fragmenten des zerbrochenen religiösen Universums. Träger der semantischen Ummünzung waren die durch die positiven Wissenschaften geprägten Bildungseliten des Fin de siècle, einer Epoche, die Max Weber in Übereinstimmung mit Nietzsche als eine "gottfremde und prophetenlose Zeit" in einer "entzauberten Welt" diagnostizierte. Die Wissenschaft trug zur tabula rasa des religiös begründeten traditionellen Weltbildes bei, aber lieferte - tragische Ironie - im 20. Jahrhundert Versatzstücke, die der Wiederverzauberung der Welt mittels Ideologie dienten. Zu wenig bedacht wurde m. E. bisher, dass dieser Prozess nicht in einseitiger Beeinflussung, sondern in der Interaktion von europäischen und nahöstlichen Eliten ablief und in der Türkei früher als in Europa politisch umgesetzt wurde.