DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Zusammenfassungen / Abstracts der Panels
Islamwissenschaften
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 28. Februar 2001

Roman Loimeier (roman.lomeier@uni-bayreuth.de):
Sufi-Bruderschaften als soziale Bewegungen

Islamische religiöse Gelehrte haben immer wieder Kritik an bestimmten Sufi-Praktiken geübt und diese zum Beispiel als "unislamische Neuerungen" (bida`) denunziert. Trotz dieser Kritik haben sich diese religiösen Praktiken in vielen islamischen Gesellschaften bis heute erhalten. Im Panel "Sufi-Bruderschaften als soziale Bewegungen" soll am Beispiel des dhikr (Roman Loimeier), der maulid-Festlichkeiten (Samuli Schielke) und der ziyara zu den Sufi-Heiligen (Rüdiger Seesemann) gezeigt werden, daß die Resistenz solcher Sufi-Rituale gegenüber der Kritik bestimmter Gelehrter ganz wesentlich aus ihrer Bedeutung für das soziale Leben der Muslime erwächst.


V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Michael Kemper: Verbindung von Netzwerkbetrachtung und Diskursanalyse am Beispiel der Naqshbandiya xalidiya in Dagestan (1828-1937)
Das Auftreten der Naqshbandiyya khalidiyya in Daghestan (Nordkaukasus ) ist eng mit der jihad-Bewegung unter den drei Imamen (Ghazi-Muhammad, Hamzat Bek und Shamil) in den Jahren 1828-59 verbunden, so dass die gesamte jihad-Bewegung unter dem Begriff "Muridismus" in die Geschichte eingegangen ist. In dem Vortrag untersuche ich zunächst, welche Rolle die Scheichs der Khalidiyya in der Zeit des jihads tatsächlich innehatten, wobei herauskommt, dass die Bruderschaft keineswegs als "Keimzelle" des jihads gesehen werden kann; vielmehr behaupteten die einflussreichen Scheiche eine unabhängige Position.
Danach gehe ich auf die Zeit nach dem Zusammenbruch des jihads ein. Nach 1859 und insbesondere nach einem weiteren jihad-Aufstand 1877 verbreitete sich von Aserbeidschan aus ein neuer Zweig der Khalidiyya in Daghestan, der vom jihad Abstand nahm und gegen die mächtigen jihad-Scheichs opponierte. Der Konflikt zwischen diesen Zweigen spiegelt sich in Debatten über die Techniken der Sufi-Erziehung (dhikr, talqin) wider.
Im Jahre 1915 hat der o.g. neue Zweig der Khalidiyya eine originelle parallele Shadhiliyya-Identität angenommen, die erstmals silsilas und sanads aus Nord- und Westafrika in den Kaukasus brachte (Salih al-Fullani, Ahmad at-Tijani).
Bei der Betrachtung der Ausbreitung und des Wandels der Mahmudiyya versuche ich, eine positionale und relationale Netzwerkperspektive mit der Analyse des sufischen Diskurses zu kombinieren.

Rüdiger Seesemann: Ziyâra: Funktionen und Bedeutung in der Tijâniyya (Westafrika)
Der Begriff ziyâra, der als Terminus technicus eigentlich den Besuch eines Heiligengrabes bezeichnet, hat in Westafrika eine eigenständige Bedeutung entwickelt: Während Gläubige in Ägypten oder im Maghreb einen toten Heiligen aufsuchen, um seine Fürsprache zu erwirken, meint ziyâra in Westafrika den Besuch bei einem lebenden Heiligen (dem sogenannten Marabout, von arab. murâbit), d.h. in der Regel bei einem Vertreter einer Sufi-Bruderschaft.
Diese Besuche können sowohl in einem institutionellen Rahmen - etwa am Gedenktag für einen Heiligen - als auch in einem kleinen, privaten Rahmen stattfinden. In beiden Fällen ist die ziyâra ein soziales Ereignis von weitreichender Bedeutung: Der Gläubige empfängt die baraka des Marabout; er sucht dessen Beistand oder Rat in einer bestimmten Angelegenheit; oder er erhofft sich Heilung von einer Krankheit. Der Marabout erhält seinerseits Geschenke von seinem Besucher, sei es in bar oder in Naturalien; in jedem Fall bekundet ihm der Besucher seine Loyalität.
Am Beispiel der Tijâniyya-Bruderschaft in Westafrika werden die Funktionen und die Bedeutung der ziyâra beschrieben. Das Beispiel wird zeigen, dass ziyâra in der gesellschaftlichen Wirkung der Tijâniyya eine zentrale Rolle spielt.