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Sinologie |
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die Koordinatoren des Orientalistentages |
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Achim Mittag / Helwig Schmidt-Glintzer (schmidt-gl@hab.de):
Dimensionen der historischen Kritik in ChinaIn diesem Panel geht es zentral um die Frage nach der Kritik- und Urteilsfähigkeit in der chinesischen Historiographie. Wie sehr es vielleicht zutreffen mag, daß "für die Chinesen ... kein göttliches Auge und Gedächtnis, das alles sieht und vermerkt, [existierte]" und daher "die Historiker keinen Begriff historischer Wahrheit [besaßen]" (R. Trauzettel), so sehr ginge man in der Annahme fehl, die Wahrheitsfrage und damit zusammenhängend die Fragen nach der Zuverlässigkeit und Widerspruchsfreiheit der Quellen, den Kohärenz- und Geltungskriterien des historischen Berichts, der Aufrichtigkeit des Geschichtsschreibers ebenso wie den Fragen nach den Maßstäben des historischen Urteils und den grundlegenden Sinngarantien der Rede und Verständigung über die geschichtliche Vergangenheit hätten keine oder nur eine geringere Rolle als in anderen Historiographietraditionen gespielt. Das Gegenteil scheint der Fall gewesen zu sein: Aus verschiedenen Gründen, insbesondere gerade deshalb, weil sich in China bekanntlich kein Monotheismus herausbildete, wurde die Wahrheitsfrage immer von neuem diskutiert. Dies hat im chinesischen Geschichtsdenken zur Entwicklung vielfältiger kritischer und reflexiver Ansätze geführt.
Die Vielfalt dieser Ansätze läßt es ratsam erscheinen, der traditionell mit dem Begriff shiping ("kritische Beurteilung von seiten des Historikers") bezeichneten Tradition der 'historischen Kritik' in China exemplarisch, an konkreten Beispielen aus der Geschichtsschreibung des alten wie des modernen China anzunähern. So geht es nach einer ersten Sichtung jener shiping-Tradition (Referat MITTAG) um die Konfuzius zugeschriebenen Frühlings- und Herbstannalen, die in der chinesischen Historiographietradition als unhintergehbares Paradigma des auf "Lob" und "Tadel" (bao - bian) fixierten historischen Urteils galten. Es gab dabei jedoch ein ernstes Problem, nämlich daß die Annalen - kaum mehr als ein chronologisch geordnetes Datengerippe - im höchsten Maße deutungsbedürftig waren. Dies führte früh zur Entstehung unterschiedlicher Auslegungstraditionen. Dabei erwies sich in der Han-Zeit (206/202 v.Chr. - 220 n.Jh.) vor allem die sog. Gongyang-Schule als grundlegend für die Deutung der Annalen als "konfuzianisches Weltgericht", vor dem "die Errettung einer in Chaos geratenen Welt und die Wiederherstellung der rechten Ordnung" eingeklagt werden könne (Referat GENTZ). - Für die geschichtsschreiberische Praxis im engeren Sinne hatten die historischen "Würdigungen" in den zwei ersten Dynastiegeschichten Shi ji und Han shu modellsetzenden Charakter; bei genauerem Hinsehen tun sich in ihnen mitunter aber Abgründe divergierender Sichtweisen und Beurteilungen, die hier Sima Qian und da Ban Gu vornahmen, auf (Referat VAN ESS). - Auch nach dem Untergang des Han-Reiches wirkten die Annalen stilbildend fort. Welches Anliegen jedoch Huangfu Mi eigentlich mit seiner Chronik der Urkaiser und Könige (Diwang shiji) verfolgte, ist bislang kaum diskutiert worden - ein Versäumnis, das nicht zuletzt auch in den methodischen Schwierigkeiten im Umgang mit dieser nur in Form einer Sammlung von Zitatfragmenten überlieferten "Weltchronik" aus dem 3. Jahrhundert begründet liegt (Referat NAGEL-ANGERMANN). - Wie die Diskussion über das Handeln historischer Gestalten im vormodernen China immer zugleich auch Chancen der Kritik und der Kommunikation eröffnete und neue Horizonte aufriß, läßt sich besonders gut zeigen am Beispiel des Zhuge Liang (181-234) - Einsiedler, Staatsmann, Feldherr, kurz: Prototyp des konfuzianischen Helden, und dies weniger aufgrund glorreicher Schlachtentriumphe als vielmehr gerade aufgrund des letztendlichen Scheiterns seiner Lebensmission (Referat Tillman). - Die Beschäftigung mit der historischen Kritik in China kann nicht umhin, sich der Frage zu stellen, ob die Annahme einer universellen Entwicklung der Reflexion auf die grundlegenden Regulative historischer Sinnbildung gerechtfertigt ist. Diese Frage soll in diesem Panel nicht eigens thematisiert werden; sie führt aber unmittelbar auf die Frage, wie im modernen China das Verhältnis von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Gewinnung von Zukunftsperspektiven bestimmt und inwieweit hierbei auf traditionelle Deutungsmuster zurückgegriffen wird und in welchem Maße bestimmte Ansätze des chinesischen Geschichtsdenkens der vormodernen Zeit in diese Neuorientierungen eingeflossen sind (Referat SPAKOWSKI).