DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der fächerübergreifenden Panels
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 11. Februar 2001


Friedericke Pannewick / Christian Szyska / Natascha Vittinghoff:

Interkulturalität und Intertextualität: Die Entstehung von Genres durch transkulturelle Interaktion
(im Rahmen des Arbeitskreises "Theoretische Wege zu den Literaturen des Vorderen Orients")

Die Teilnehmer/innen des Panels diskutieren die Entstehung, Erfindung, und Transformation von Genres in verschiedenen Medien wie Literatur, Musik, Kunst et.al. bei der Begegnung mit anderen Kulturen. Wird Kultur als ein sich im steten Fluß befindlicher Kanon von Werten, Symbolen und Bedeutungen betrachtet, so mag man Texte als im andauernden Dialog untereinander stehend begreifen. Auch neue Genres entwickeln sich selten durch eine Neuerfindung oder durch plötzliche Umweltveränderungen. Sie gehen aus einem langwierigen Prozeß von Auseinandersetzungen mit herkömmlichen Ausdrucksformen, neuen kulturellen Formen und wechselnden Bedingungen des Lebensumfelds hervor. Intertextualität und Interkulturalität sind somit wesentliche Faktoren, die bei der Entstehung neuer Genres wirksam werden. Die Herausbildung von Genres unter den Bedingungen einer weltweiten Zirkulation mimetischen Kapitals unterliegt spezifischen Produktions- und Unterdrückungsbedingungen. Diese zu thematisieren ist einer der möglichen Schwerpunkte des Panels.
Darüber hinaus setzt sich unser Panel zum Ziel, die internationalen Reisewege der Genres und ihre vielfältigen transnationalen Bezugspunkte zu diskutierten. Der Zusammenhang von internationalen Strömungen und nationalen Sonderwegen läßt sich bspw. am Genre des politischen Romans illustrieren: dieser wurde, mit den wesentlichen Elementen wie sie in England v.a. von Disraeli herausgebildet wurden, in den 1880er Jahren in Japan stark rezipiert und dann von Liang Qichao in China benutzt, um eine programmatische (nationale) Revolution der Literatur einzuläuten. Auch bei der Genrebildung in der modernen arabischen Literatur läßt sich die Tendenz beobachten, daß in einem kreativen Prozeß als autochthon erkenntliche Texte des klassischen arabischen Erbes mit Ausdrucksmitteln kombiniert werden, die in der internationalen Kunstszene bereits etabliert sind, so daß durch synkretische Kombinationen hybride Textgenre entstehen. Ein Beispiel wäre das traditionelle Genre der Totenklage, welches von zeitgenössischen Literaten politisiert und durch Anleihen aus europäischer Literatur bereichert wurde.
Die Entstehung von Genres soll im Licht der transkulturellen Verflechtung untersucht werden. Denn der Informationsfluß verläuft ja nicht nur in eine Richtung: Durch die Rezeption des Fremden und die anschließende Wiedervermittlung des Rezipierten an die Ausgangskultur kann in dieser eine neue Wahrnehmung der eigenen Tradition stattfinden. Diese modifizierte Wahrnehmung ist nicht selten eine Reproduktion eines in Europa konstruierten Exotismus, kann aber auch zu einer Kulturbereicherung im Sinne von einer Wiederentdeckung verschütteter indigener Traditionen führen. So hatten sich zum Beispiel nicht wenige europäische Literaten ihrerseits von östlichen Motiven oder Formen inspirieren lassen, so daß sich die arabischen Kollegen, über den Umweg europäischer Rezeption, Formen und Motiven zuwandten, die ihrem eigenen Kulturkreis entstammen.
Dabei ist zu beobachten, daß sich die kulturellen Stömungen nicht nur zwischen einer außereuropäischen Kultur und `dem Westen´ hin- und herbewegen. Die beteiligten außereuropäischen Länder reagieren in ihrer Begegnung mit dem Westen nicht allein auf den Westen, sondern ebenso auf Faktoren in den benachbarten Ländern. Die Ost-West-Dichotomie ist also aufzugeben zugunsten einer umfassenderen Neuperspektivierung zum Beispiel im Hinblick auf den asiatischen Kulturraum.
Solche internationalen Vernetzungen und die damit einhergehenden Sinnverschiebungen zu thematisieren, ist Ziel des Panels, das sich interdisziplinär an alle außereuropäischen Kulturwissenschaftler innerhalb des DOT wendet.
Wie bei der übergeordneten Arbeitsgruppe "Theoretische Wege" soll der Schwerpunkt auf dem theoretischen beziehungsweise methodischen Aspekt liegen. Mögliche Themen könnten sowohl aus den außereuropäischen Literaturen als auch aus Musik, Theater, Tanz, Film oder bildenden Künsten stammen.
Friedericke Pannewick

Organisation:
- Dr. Friederike Pannewick, Seminar für Semitistik und Arabistik, Freie Universität Berlin, E-Mail: FPannewick@gmx.de
- Christian Szyska, An der Steinbrücke 2, 53119 Bonn, E-mail: Chszyska@aol.com
- Dr. Natascha Vittinghoff, Ostasiatisches Seminar, Universität Göttingen, E-Mail: nvttin@gwdg.de


V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Hassan Nekuruh: Ästhetische Unterschiede zwischen orientalischen und europäischen Sprachen
Hammers Übersetzung von Hafis Ghaselen (1813), die fast unmittelbar nach der Veröffentlichung wegen sprachlichen Ungenauigkeiten kritisiert wurde, weist nicht weniger Unstimmigkeiten im Literarisch-Ästhetischen auf - was nicht immer am Übersetzer gelegen zu haben scheint.
In neuerer Zeit macht sich das Problem in umgekehrter Richtung bemerkbar: Die Übersetzung literarischer Werke aus europäischen Sprachen, darunter auch der deutschen lässt Probleme erkennen, die denjenigen, die seiner Zeit Hammer zu schaffen machten, sehr ähnlich sind - nur mit einer Einschränkung: während sprachliche Unstimmigkeiten, die auf ästhetischen Unterschieden beruhen, bei der Übersetzung klassischer Werke (wie etwa Schillers "Jungfrau von Orleans") ohne bemerkenswerte Auswirkungen auf die Struktur des übersetzten Werkes bleiben, bewirkt dies beachtliche Änderungen an der Struktur eines Werkes wie Kafkas "Verwandlung".
Das eigentliche Problem, vor dem Hammer stand, war das, wie die traditionsreiche Sprache von Hafis Dichtung ins deutsche zu übertragen, während der persische Übersetzer von heute vor der Aufgabe steht, syntaktische Strukturen, die aus moderner Sicht in die deutsche Sprache eingedrungen sind, einer Sprachgemeinschaft zugänglich zu machen, deren ästhetisches Empfinden sich an reichen literarischen Traditionen orientiert.
Das Problem macht sich hauptsächlich an Werken bemerkbar, die durch ihre durchstrukturierte Sprache und eine überbetonte Rolle der sprachlichen Formen und Strukturen hervorstechen. Hier zeigt sich eine Parallele zu der Problematik der Hafis-Übersetzung: Es geht heute wie damals um das Verhältnis zweier Sprachen mit Grundunterschieden auf ästhetischer Ebene.
Nun ist aber auch in der neuesten Entwicklung eine Parallele zu jener nach der Übersetzung von Hammer aufzuzeigen: ebenso wie damals, wo sich eine Wandlung in der deutschen Sprache bemerkbar machte, die diese zur Aufnahme fremder orientalischer Formen und Inhalte befähigte, was sich besonders an der Übersetzung von Rückert beobachten lässt, kann man an der Aufnahmebereitschaft der persischen Sprache modernen europäischen Werken wie etwa Joyces "Ulysses" und Th. Manns "Zauberberg" gegenüber eine solche Wandlung registrieren - eine Wandlung, die sich selbstverständlich erst langsam ihren Weg bahnen muß.

Ines Weinrich Harmonie und dissonante Stimmen. Debatten zur Rezeption europäischer Kompositionstechniken in arabischer Musik
Das Paper setzt bei den Entwicklungen an, die die Herausbildung neuer Genres begleiten, dem kulturellen Kontakt und den daraus entstehenden Debatten über herkömmliche und neue Ausdrucksformen. Dabei geht es schwerpunktmässig um die Übertragung von Begriffen, dargestellt am Beispiel von "Harmonie". Im Falle der Musik hat die mehrstimmige Kompositionstechnik einen breiten Stellenwert in der Diskussion um die Erneuerung arabischer Musik eingenommen. Der Terminus "Harmonie (harmuniya) avancierte dabei zum Schlagwort, welches in einigen Stellungnahmen nahezu zum Synonym für "Entwicklung" (tatawwur) wurde. Dabei wird "Harmonie" in vielen Fällen als eine der europäischen Musik zeitlos eigene Eigenschaft begriffen und nur in den wenigsten Fällen zwischen verschiedenen Techniken von Mehrstimmigkeit unterschieden. Der Beitrag geht der Frage nach, wie und warum "Harmonie" in den Debatten diesen Stellenwert erlangte und wo in der kulturellen Übertragung von Begriffen Missverständnisse wirken können. Dabei wird auch auf die Diskrepanz zwischen theoretischen Diskussionen und künstlerischer Praxis eingegangen. Als Quellen dienen arabische musiktheoretische Werke, Lehrbücher, Aufsätze in verschiedenen arabischen Kulturzeitschriften sowie eigene Interviews mit Musikern, Musikkritikern und Komponisten.