DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Japanologie
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 22. Dezember 2000

Lisette Gebhardt (L.Gebhardt@t-online.de) / Inken Prohl:
Japanische Religion zwischen Tradition und Postmoderne

Der Panel "Japanische Religion zwischen Tradition und Postmoderne" versteht sich in erster Linie als Forum einer metakritischen Auseinandersetzung mit gängigen Interpretationsweisen japanischer Religion. Vorgabe des Panels ist es, die Situation der Religion im "Zeitalter der Religionswissenschaft" und der Medien zu betrachten. Dieser Blickwinkel macht deutlich, daß "japanische Religion" keineswegs ein geschlossenes Gefüge ist, sondern sich aus vielen, oft noch kaum analysierten Facetten zusammensetzt, und in Geschichte und Gegenwart einem steten Wandel unterworfen ist. Unser Verständnis der aktuellen religiösen Szenerie in Japan wie auch der japanischen Religionsgeschichte ist weniger von einem Modus des direkten Abbildens von Religion und Gesellschaft geprägt, vielmehr sehen wir beide Komplexe als "Ergebnisse" von Medientrends, von Rezeptionsweisen der Religionswissenschaft, der Religions- und Ideengeschichte sowie benachbarter Disziplinen: Während die Religionswissenschaft zeittypischen Forschungsströmungen verpflichtet war und ist, beeinflußt auch die Präsentation religiöser Inhalte in den Medien die Wahrnehmung dessen, was wir heute als "japanische Religion" begreifen.
Thema der Einzelvortäge werden demnach Fragen der japanischen "religiösen Tradition" sein, wobei diskutiert wird, inwieweit diese Tradition verbürgt ist. Erörtert wird ebenso der gegenwärtige japanische Umgang mit Religion und Religiösem im Zeichen der sogenannten Postmoderne:
Max Deeg befaßt sich unter dem Schlagwort "Hyperorientalismus" mit den vielfältigen Brechungen orientalisierender und selbstorientaliserender Muster bei der Darstellung japanischer Religionen.
Lisette Gebhardt legt dar, wie "Religion" in den japanischen Printmedien als Objekt der Nostalgie und Identitätsfindung inszeniert wird.
Christoph Kleine wird am Beispiel eines japanischen Pseudoepigraphen eine neue Perspektive der Buddhismusgeschichte aufzeigen.
Inken Prohl ordnet die jüngste japanische Shintô-Renaissance, die problematische Aussage von Premierminister Mori Yoshirô, einer ideengeschichtlichen Linie zu, die die historische Situation im 19. Jahrhundert berücksichtigt wie auch die aktuellen Entwicklungen seit den achtziger Jahren.



V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Lisette Gebhardt: Religion und Identität als Medieninszenierung in Japans Postmoderne
"Religion" wird in Japan insbesondere seit den achtziger Jahren im Zuge eines groß angelegten Retrotrends als "neojapanesque" Ware vermarktet. Werbefirmen und Medien entwerfen Bilder eines ursprünglichen, "indigenen" Japan, japanische Künstler und Intellektuelle wenden sich der "japanischen Tradition" zu, die sich, ihrer Auffassung nach, durch eine "spirituelle" Komponente auszeichnet. "Religion" als Teil eines modernen Konsumangebots wird für den "Verbraucher" vor allem als "Erlebnisfeld" aufbereitet. Die "Erfahrung" eines "religiösen Moments" steht im Vordergrund. Aus den Präsentationen des Religiösen in japanischen Büchern und Magazinen kann man schließen, daß sie dazu angelegt sind, die Nostalgie des Großstädters nach einer verschwundenen japanischen Vergangenheit zu stillen, ihm ein Objekt zur Verfügung zu stellen, in dem sich Wünsche nach Identitätsbestätigung und Geborgenheit sammeln können. Die Inszenierungen des Religiösen, wie sie die japanische Sehnsuchtsindustrie betreibt, lassen sich als ethno-esoterische und ethno-romantische Fiktionen beschreiben. Shintôistische und buddhistische Stätten werden gleichermaßen wiederentdeckt. Aufwendige Photoreihen präsentieren "Kraftorte" in der Natur, aber auch religiöses Interieur. Eine bestimmte, manierierte Ästhetisierung des Religiösen - als Raum "machtgeschützter Innerlichkeit" - ist ein wichtiger Faktor des Umgangs mit Religiösem im gegenwärtigen Japan; er charakterisiert ebenso die Ideenwelt der japanischen Intellektuellen der sogenannten Postmoderne. Diese argumentieren für die Anerkennung einer "anderen Moderne" Japans, ein Modell, das sich bei genauerer Betrachtung als selbstorientalisierte Version der Moderne darstellt.
1. Religion in Japan - keine ungebrochene Tradition, sondern ein zeitgeprägtes Phänomen
2. Religion als wichtiger Bezugspunkt der Identitätssuche seit den achtziger Jahren
3. Shintô und Buddhismus als Waren des japanischen Retrotrends und als "Erlebnisfelder" Religion als neojapanesque Ware
4. Abschließende Bemerkung

Christoph Kleine: "Berichte über Inder, die in das Reine Land geboren wurden" (Tenjiku ôjô ki): ein Pseudoepigraph und seine Bedeutung für eine Revision der japanischen Buddhismusgeschichte
Die japanische Buddhismusgeschichte wird zu Recht als einer der besterforschten Bereiche der außereuropäischen Religionswissenschaft betrachtet. Die immense Fülle sorgfältig edierter Quellentexte sowie die Masse wissenschaftlicher Publikationen in japanischer Sprache täuschen jedoch leicht darüber hinweg, daß das in Japan und infolgedessen auch im Westen vorherrschende Bild des japanischen Buddhismus wesentlich das Produkt einer ungebrochenen innerbuddhistischen Traditionsbildung darstellt. Insbesondere die in der Edo-Zeit (1603-1867) akribisch betriebene Selbstbestimmung der diversen buddhistischen Denominationen prägt noch heute das Verständnis der Religions- und Geistesgeschichte Japans. Im Mittelpunkt der retrospektiven Historiographie jeder Denomination steht dabei vor allem das Bemühen, die jeweilige Gründerfigur als herausragende Persönlichkeit zu präsentieren und den zugleich innovativen wie orthodoxen Charakter ihrer religiösen Ideen herauszustellen.
Im Falle der Jodo-shu richtet sich das apologetische Interesse der "Sektenhistoriographie" vornehmlich auf den Nachweis, daß die Lehren des vorgeblichen Gründers dieser bedeutenden Denomination, Honen-bo Genku (1133-1212; kurz Honen), erstmalig allen Menschen einen leichten Weg in das Reine Land (jodo) des Buddhas Amida gewiesen hätte. Einige vor Honens Zeit kompilierte Sammlungen erbaulicher "Erlösungsberichte" über Menschen, die Geburt im Reinen Land (ojo) erlangt haben sollen, deuten indes in eine andere Richtung. Besonders das bislang von der Forschung kaum berücksichtigte, fälschlich dem großen indisch-buddhistischen Denker Vasubandhu (4./5. Jh.) zugeschriebene Tenjiku ojoki (verf. spätestens im frühen 12. Jh.) scheint einige soteriologische bzw. religiös-praktische Konzepte vorwegzunehmen, die später als bedeutsame Innovationen Honens angesehen wurden. Zugleich bestätigt das Pseudepigraph, daß sich außerhalb der Tendai-Jodo-Orthodoxie, in deren Tradition Honen überwiegend gesehen wird, schon früh eine Form der Amida-Frömmigkeit entwickelt hat, die zu einem nicht unerheblichen Teil von daoistischen Vorstellungen beeinflußt war.
In meinem Vortrag werde ich also anhand des Tenjiku ojoki zu zeigen versuchen, daß
(1) Honens Ideen in manchen Punkten keineswegs so neu waren, wie oft angenommen wird,
(2) der daoistische Unsterblichkeitskult in enger Beziehung zum Glauben an Amidas Reines Land stand und
(3) warum das Pseudepigraph in der Forschung bislang kaum Beachtung gefunden hat.

Inken Prohl: Shintô-Renaissance - vom (neu generierten) Staats-Shintô der Jahrhundertwende zum Einzigartigkeitsmythos des shintôistischen Japan in der unmittelbaren Gegenwart
"Japan, mit dem Tennô als Zentrum, ist das Land der Götter" - mit dieser Äußerung sorgte Japans Premierminister Yoshirô Mori kurz nach seinem Amtsantritt im Frühjahr des Jahres 2000 für Empörung. Moris Bemerkung war in Japan Anlaß für viele, sich gegen derlei reaktionäre Parolen zu verwehren. Moris Shintô-Seligkeit ist jedoch kein Einzelfall. Im gegenwärtigen Japan lassen einige Akademiker, Journalisten und Gründern der Neuen Religionen Stellungnahmen zum Shintô verlautbaren, die an die Ideologie des Staats-Shintô der Vorkriegszeit erinnern. Die Rede ist von der Einzigartigkeit des Shintô als ursprünglichen japanischen Weltanschauung und seiner heilsbringenden Funktion für die Zukunft der Menschheit.
Dieses Netzwerk einer neuen Shintô-Renaissance gilt es näher zu betrachten: Wer sind die Akteure dieses shintoistischen Selbstbehauptungsdiskurses? Wie ist die Resonanz auf solche Reprisen einer nationalen Gesinnung in der japanischen Öffentlichkeit? Und vor allem: Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Welche Rolle spielen die Besonderheiten der Religionswissenschaft und ihr Verhältnis zur Shintô-Wissenschaft? Die genannten Aspekte der gegenwärtigen Shintô-Renaissance sind zunächst zu erörtern. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem institutionellen Rückhalt des Shintô-Diskurses in Form der International Shintô Foundation sowie der Rezeption und den Wirkungen dieses Diskurses außerhalb Japans.