DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Zentralasien
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 11. Februar 2001

Gabriele Rasuly-Paleczek (Gabriele.Rasuly@univie.ac.at):
Anthropologisches Panel



V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Gabriele Rasuly-Paleczek:
Kollektive Identitäten in Afghanistan
Am Beispiel Afghanistans werden in diesem Beitrag die kollektiven Identitäten und ihre Transformationen erläuert. Mir geht es dabei nicht nur um die Darstellung jener Aspekte, die als identitätsstiftende Merkmale in Frage kommen, wie z.B. Religionszugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Siedlungsgemeinschaft oder Sprachgruppe, sondern auch um die Analyse jener Faktoren, die bei der kollektiven Identitätsbildung und Repräsentation kollektiver Identitäten eine Rolle spielen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um willkürliche, aus dem Diskurs sich einfach so ergebende Elemente, wie postmodernistische Studien vielfach behauptet haben. Meiner Ansicht nach ist die Konstitutierung kollektiver Identitäten, wie dies schon F. BARTH festgehalten hat, situations- und kontextgebunden, jedoch in einem bestimmten Rahmen. Die Konstruktion kollektiver Identitäten ist jedoch nicht nur kontext- und situationsgebunden, sondern steht meiner Ansicht nach auch in einer engen Verbindung zum historischen Rahmen in welchem sich soziale Gruppen und Individuen gegenüber stehen. Darüber hinaus beeinflussen auch makro-soziologische und politische Entwicklungen, wie z.B. die Zentralisierung staatlicher Macht oder der Nation-Building Prozeß, die Formierung kollektiver Identitäten und ihre öffentliche Repräsentation. All diese Überlegungen sollen am Beispiel der uzbekischen Bevölkerung Nord-Afghanistans illustriert werden.


Caroline Antonia Wilcke:
Religiosität als Bestandteil weiblicher Identitäten in Usbekistan

Religiosität als Bestandteil weiblicher Identitäten in Usbekistan wird durch offizielle und öffentliche Diskurse über Frauen, vor allem aber durch die Akteurinnen selbst definiert. Religion kann hier nicht als monolithisches System verstanden werden, denn sie wird je nach Kontext unterschiedlich gedeutet. Dies wirkt sich auch auf das jeweilige Frauenbild aus. So entwerfen offizielle und halboffizielle Diskurse unterschiedlich gefärbte Frauenbilder, die tendenziell eher eindimensional wirken, teilweise sogar negativ konnotiert sind. In der Alltagsreligiosität hingegen leben Frauen durch ihre Praxis Identitäten, die vielschichtiger, oft auch positiver belegt sind. Durch das Zusammenwirken verschiedener Glaubensschichten und -auffassungen kommt es in weiblichen volkstümlichen Ritualen zu einer Vermischung von Bildern und Symbolen. Dies gilt auch für die Selbstpräsentation religiös praktizierender Frauen: in ihren Praktiken und Berufungserzählungen kombinieren sie die vorhandenen Bilder und Symbole auf unterschiedliche Weise und fügen somit ihrer religiösen Identität individuelle Komponenten hinzu. Natürlich muß Religiosität auch im Rahmen gegenwärtiger Gegebenheiten und postsowjetischer Entwicklungen betrachtet werden. Religiosität und religiöses Wirken sind demnach eine Teilkomponente anderer identitätsstiftender Momente, wie zum Beispiel der Berufstätigkeit oder gesellschaftlich festgeschriebener Rollen. Wichtig für die Beschäftigung mit religiösen Praktiken, speziell mit "orthodoxeren" Formen sind u.a. auch soziale Momente, wie der Prestigegewinn durch religiöses Wissen, der den Status einer Frau in der Gemeinschaft modifizieren kann. Auch die Teilnahme an gemeinschaftlichen rituellen Praktiken festigt und dokumentiert soziale Identität: durch die Einladung zu einer Versammlung zu Ehren weiblicher Heiliger kann u.a. die Zugehörigkeit einer Frau zum Kreis ihrer Nachbarinnen bestätigt werden. Weibliche Identität wird in der volkstümlichen Ausprägung von Religiosität positiv repräsentiert. Eine nähere Orientierung der Akteure an orthodoxen, dem Hochislam entstammenden Bildern, Praktiken und Normen könnte zu einer Umwertung und Marginalisierung weiblichen religiösen Wirkens führen. Dies würde allerdings davon abhängen, ob die Betroffenen diese Bewertung übernehmen oder ob sie diese Formen lediglich als eine weitere Spielart von Religiosität betrachten und sie somit in das schon vorhandene Repertoire integrieren oder einfach parallel bestehen lassen.