DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
[Hauptseite] [Panels]  
 
Abstracts / Zusammenfassungen der fächerübergreifenden Panels
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 29. Januar 2001


Methodische Probleme des Vergleichs

Der Vergleich ist ein häufig verwendetes Hilfsmittel, um Strukturen in Gesellschaften durch kontrastive Abgrenzung besser verstehen und beschreiben zu können. Der historische Vergleich, als dessen Begründer meist Marc Bloch genannt wird, ist in den historischen Wissenschaften gut eingeführt (als Beispiele für rezente deutschsprachige Veröffentlichungen zu den heuristischen Aufgaben und Leistungen des Vergleichs siehe H.-J. Haupt und J. Kocka, Geschichte und Vergleich. Frankfurt 1996; H. Kaelble, Der historische Vergleich. Frankfurt 1999). In der europäischen Geschichtswissenschaft wurde der Vergleich am häufigsten für die innereuropäische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingesetzt. Der transkulturelle Vergleich hingegen widmet sich Gesellschaften, die nicht in engen Austauschbeziehungen stehen. In einer universalen Variantenanalyse können gesellschaftliche Institutionen und Praktiken, die in vielen Teilen der Erde vorkommen, als universal und daher nicht kulturspezifisch erkannt werden. Vor allem die historische Soziologie (wichtige Vertreter sind u.a. Reinhard Bendix, Shmuel N. Eisenstadt, Jack Goldstone, Michael Mann, Barrington Moore Jr., Theda Skocpol und Immanuel Wallerstein) hat die Vielfalt vormoderner Gesellschaftsformen und vormoderner Staatlichkeit untersucht und nach alternativen Pfaden in die moderne Welt gefragt.
Die orientalistischen Disziplinen überschreiten zwar durch ihre Tradition, sich mit Kulturen zu beschäftigen, oft nationalstaatliche Grenzen, beschränken sich aber durch zunehmende Spezialisierung auf ihr jeweils eigenes Forschungsgebiet. Da gemeinsame inhaltliche, aber auch theoretische Anliegen oft nicht wahrgenommen werden, kommunizieren diese Fächer nur selten miteinander. Das Panel zu methodischen Problemen des Vergleichs bei der Forschungsarbeit über nicht-westliche Gesellschaften will versuchen, über gemeinsame methodische Anliegen und Schwierigkeiten sich gegenseitig mitteilbar zu machen. Es sollen nicht große transkulturelle Entwürfe vorgestellt werden, sondern das Panel soll als ein workshop dienen, in dem die Teilnehmer ihre Probleme und Aporien bei vergleichenden Arbeiten (ob sie nun ethnologisch, historisch, philologisch, politologisch oder soziologisch orientiert sind) erläutern.
Kann ein solcher, auf ein spezifisch methodisches Problem gerichteter Austausch - ohne nähere Kenntnis der jeweils anderen Forschungsmaterie - zu einem sinnvollen Dialog führen?

Kontakt:
Maurus Reinkowski, Lehrstuhl für Turkologie, U11, Universität Bamberg, 96045 Bamberg
Tel. 0951 / 863 2196 oder 863 2182;
Email: maurus.reinkowski@split.uni-bamberg.de




V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Christoph Brumann:
Kulturvergleichende Forschung in der Ethnologie: Überblick und ein Fallbeispiel (Lebensdauer utopischer Kommunen)

In der Ethnologie hat vergleichende Forschung eine besonders lange Tradition, nicht nur implizit - durch den Bezug auf die Herkunftsgesellschaft des Ethnologen, die umweigerlich zum Vergleichsgegenstand für die beobachtete fremde Gesellschaft wird -, sondern auch als bewußt angewendete Methode. Der Vergleich kann sich dabei auf wenige, tiefer ergründete, möglicherweise allesamt selbst empirisch erforschte Gesellschaften beziehen, die dann häufig bestimmte Grundmerkmale wie Region, Wirtschaftsweise o. ä. teilen. Häufiger allerdings wird eine größere Fallzahl einbezogen, oft aus der ganzen Welt, und angestrebt ist dann die Ermittlung von universalen Kausalzusammenhängen in menschlichen Gesellschaften. Für den letzteren Ansatz stehen Datenbanken zur Verfügung, die für eine große Zahl von Gesellschaft und Sachkategorien Textstellen aus Ethnographien oder bereits fertig kodierte Variablen anbieten.
Eine Verbindung der beiden Herangehensweise wurde in einer eigenen kulturvergleichenden Forschung zu den Überlebensbedingungen kommunitärer Gruppen versucht, d. h. Gemeinschaften, die auf freiwilliger Basis ihr gesamtes Eigentum teilen und damit häufig religiöse oder utopische Ziele verfolgen (wie etwa Kibbutzim, Hutterer, Shakers, Bruderhof-Gemeinschaften). Viele dieser Experimenten scheitern schnell, manche aber werden sehr alt, so daß sich die Frage nach den Ursachen stellt. Um sie zu beantworten, wurden 43 gut beschriebene Fälle mit unterschiedlichen Lebensdauern aus den letzten beiden Jahrhunderten mithilfe eines einheitlichen Begriffsrasters erfaßt und dann verglichen. Es zeigt sich, daß ein allzu dominanter charismatischer Führer die Überlebenschancen einschränkt, in seiner Abwesenheit aber sowohl mit einer auf traditionelle Weise Gut und Böse, Sakrales und Profanes trennenden Religion als auch mit einer liberal-egalitären säkularen Ideologie lange Lebensdauern erreicht werden können. Zuträglich sind zudem eine Größe von 75 bis 500 Menschen pro Siedlung, eine Struktur von mehreren ungefähr gleichgewichtigen, sich gegenseitig kontrollierenden Zweigsiedlungen und eine monogame Familienstruktur, die den Mitgliedern aus der Außenwelt bekannte Schemata nicht angreift.

Heiko Henkel:
"Was machen Sie denn so den ganzen Tag"? Die 'Disziplinen der Lebenswelt' als Kategorien des sozialwissenschaftlichen Vergleichs

Sozialwissenschaftlich 'vergleichende' Studien sind bekanntermaßen problematisch, werfen sie doch stets die Frage auf, was die angemessenen Kategorien für einen solchen Vergleich sind. Insbesondere bei Vergleichen über 'Kulturgrenzen' hinweg - wie zum Beispiel beim Vergleich westeuropäischer und nahöstlicher Gesellschaften - ist die Gefahr groß, daß die eine Gesellschaft an den Kriterien der anderen gemessen und so stets als 'zu leicht' befunden wird. Anhand des Beispiels der modernen Geschichte der islamischen Bewegung in der Türkei schlägt der Vortrag in diesem Zusammenhang zweierlei vor:
1. Trotz aller Problematik bleibt der 'Vergleich' ein zentrales Problem für die Sozialwissenschaft - und zwar nicht nur für explizit vergleichende Studien, denn auch Forschungsprojekte, die oberflächlich keinerlei Vergleich anstreben, haben nicht selten eine unausgesprochene vergleichende Komponente. Dies gilt insbesondere für Studien zum Nahen und Mittleren Osten, da hier ja vergleichende Kategorien wie Orient und Okzident, traditionelle und moderne Gesellschaft etc. bereits den Diskurs vorstrukturieren.
2. Der zweite Teil des Vortrags skizziert einen Versuch über diese dichotomen und konzeptionell unbefriedigenden Kategorien hinauszukommen. Sowohl um historische Veränderungstendenzen zu verfolgen als auch für einen 'inter-kulturellen' Vergleich erscheint es mir am interessantesten, sich die 'Disziplinen der Lebenswelt' in der jeweiligen Gesellschaft anzuschauen. Diese 'Disziplinen', also bestimmte, abgrenzbare Formen von institutionalisierter sozialer Praxis, sind deshalb so interessant, weil sie zum einen abgrenzbare soziale Phänomene sind (und damit beschreibbar und vergleichbar) und sie außerdem unmittelbar Bedingung für die Bildung von Subjektivität sind.

Thomas Kühn:
The Pitfalls of Comparative Approaches: Zum Problem der Erforschung einer osmanischen Grenzregion (Jemen im 19. Jahrhundert)

Die Eroberung der späteren Provinz Jemen (Yemen vilayeti) durch osmanische Truppen in den Jahren 1848-1873 war Teil eines Prozesses imperialer Expansion, in dessen Verlauf die rivalisierenden Großmächte Frankreich, Großbritannien, Italien und das Osmanische Reich sich Herrschafts- und Einflußsphären entlang des Roten Meeres, am Horn von Afrika und auf der Arabischen Halbinsel zu sichern suchten. War, so ist angesichts dieser Parallelen zu fragen, auch die osmanische Herrschaft im Jemen von Elementen kolonialer Herrschaft geprägt? Welcher methodologische Ansatz ist am ehesten geeignet, diese Frage zu beantworten?
In meinem Beitrag versuche ich zu zeigen, daß ein direkter Vergleich der Diskurse und Praktiken osmanischer Herrschaft im Jemen mit jenen der europäischen Kolonialherren im benachbarten Aden, Sudan oder in Eritrea wenig hilfreich ist, um hier zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen. So ist es angesichts der großen Vielfalt kolonialer Herrschaftsformen in den britischen, französischen und italienischen Imperien insgesamt äußerst problematisch, jene Besitzungen in der Rotmeerregion als 'typische' Kolonien zu sehen. Vielversprechender erscheint es, über den Rahmen eines Vergleichs regionaler Fallstudien hinauszugehen. Zum Beispiel ist mit Blick auf Prozesse, die in europäischen Imperien dieser Epoche zu beobachten sind, vielmehr zu untersuchen, bis zu welchem Grade die Bewohner der Provinz Jemen in ein politisches Gemeinwesen integriert wurden, daß sich seit den Tanzimat zunehmend als Gemeinschaft von Staatsbürgern definierte. Mit anderen Worten, lassen sich in den Diskursen und Praktiken osmanischer Herrschaft Hinweise darauf finden, daß die lokale Bevölkerung außerhalb der Grenzen einer entstehenden osmanischen Nation stand? Läßt sich die osmanische Präsenz in Südwest-Arabien mit Partha Chatterjee als "rule of colonial difference" beschreiben?

Jens-Martin Mehler:
Ist Interdisziplinarität die Lösung? Ein methodischer Ansatz am Beispiel eines historisch-typologischen Vergleichs islamisch/fundamentalistischer Bewegungen

Zu Beginn der 1990er Jahre nahm - vor allem unter dem Eindruck des Wahlerfolgs der Front Islamique du Salut (FIS) in Algerien - die Zahl der Untersuchungen islamisch/fundamentalistischer Bewegungen stark zu. Wie bereits nach der Islamischen Revolution im Iran 1979 fragten sich westliche Beobachter erneut, wie Auftreten und Erfolg dieser neuen Bewegung zu erklären sei. Eine wissenschaftliche Definiton des Phänomens wurde durch eine Inflation der Begriffe erschwert: Reislamisierung, Revitalisierung, Islamismus, Integralismus und schliesslich islamischer Fundamentalismus - mit diesen Bezeichnungen wurde versucht, sich zumindest auf Begriffsebene anzunähern, allerdings ohne befriedigendes Ergebnis. Sicher schien damals nur Eines zu sein: Islamischer Fundamentalismus hatte ganz offensichtlich die regionalen Nationalismen im Nahen und Mittleren Osten engültig abgelöst und das politische Konzept der Umma Arabiya durch das politisch/religiöse der Umma Islamiya ersetzt.
In meinem Beitrag möchte ich darstellen, wie sich mit Hilfe eines historisch-typologischen Vergleichs das Phönomen des islamischen Fundamentalismus einordnen und per definitionem erfassen lässt. Zu diesem Zweck wurden Bewegungen dieser Art in Syrien und Algerien in ihrer historischen Entwicklung untersucht, verglichen und in Typologien eingeordnet. Gundlage hierfür waren die Anwendung einer Längsschnittanalyse sowie von Differenz- und Korkordanzmethode. Neben der Darstellung dieser vergleichenden Methode und ihrer Ergebnisse soll aber gefragt werden: Ist ein solcher Ansatz, sprich: die Verknüpfung interdisziplinärer Methoden (so wie in vorliegendem Fall aus den Bereichen Politik-, Geschichts- und Islamwissenschaft) sinnvoll und durchführbar? Welche Schwierigkeiten ergeben sich, nicht nur in methodischer Hinsicht aber auch für den Wissenschaftler, dessen Ausbildung nicht interdisziplinär sondern fachspezifisch ausgerichtet ist? Schliesslich soll die Frage gestellt werden, welche Fortschritte interdisziplinärer Forschung innerhalb der Orientwissenschaften in der vergangenen Dekade erzielt wurden und welche Rolle hierbei der Vergleich gespielt hat.

Maurus Reinkowski:
Wie bewahrt man - rein theoretisch - den Vergleich vor der Pleite? Zum innerosmanischen Vergleich

Vergleichende Arbeiten zum Osmanischen Reich widmen sich meist dem Vergleich des Osmanischen Reiches mit `anderen Geschichten'. Oft ist dies mit dem Plädoyer verbunden, die osmanische Geschichte an der Weltgeschichte teilhaben zu lassen und damit auch die Disziplin der Osmanistik als Teil einer allgemeinen, vergleichenden Geschichtswissenschaft zu betrachten. Tatsächlich ist osmanische Geschichte nicht als ein Thema sui generis aus der modernen Geschichtsforschung auszuschließen; die Osmanen waren Teil der europäischen Geschichte, aber sie waren ebenso - wie auch andere europäische Staaten- "Außenseiter Europas" (R. Bonney).
`Innerosmanische' Vergleiche sind jedoch selten zu finden. Osmanisten bearbeiten wegen der enormen Größe und Vielfalt des Untersuchungsgegenstandes `Osmanisches Reich´ in der Regel nur einen Teil der ehemaligen Regionen des Osmanischen Reiches. Im besonderen Maße erscheinen Südosteuropa und die arabischen Provinzen voneinander losgelöst. Symptomatisch ist hierfür der 1996 von C.L. Brown herausgegebene Sammelband Imperial Legacy: The Ottoman Imprint on the Balkans and the Middle East, in dem neben Beiträgen über die politische Kultur der Osmanen und ihr generelles Erbe die jeweiligen Spezialisten für die südosteuropäischen beziehungsweise arabischen Provinzen getrennt das osmanische Erbe diskutieren. Der Versuch eines direkten Vergleichs zwischen diesen beiden - neben Kleinasien - wichtigsten Regionen des Osmanischen Reiches wird nicht unternommen.
Zahlreiche süosteuropäische und arabische Regionen weisen jedoch ähnliche Strukturen auf: So besaßen z.B. Nordalbanien (Shkodra) und das Libanongebirge einen peripheren Charakter, tribale Machtstrukturen und eine ethnisch-konfessionelle Durchmischung. Die Benennung von `ähnlichkeiten' und `Unterschieden' zwischen diesen beiden Regionen wirkt auf den ersten Blick illustrierend, aber wenig zwingend. Wenn eine direkte Beziehungsgeschichte zwischen Nordalbanien und dem Libanongebirge ausgeschlossen werden kann, wie erklären sich dann Ähnlichkeiten? Liegen hier etwa zwei ähnlich strukturierte Regionen vor, mit einer vornehmlich tribal organisierten Gesellschaft, so wie sie in vielen Teilen der vormodernen Welt nachweisbar sind? Oder war der Einfluß der Osmanen auf diese beiden Gebiete so stark, daß eine gewisse Konvergenz bewirkt wurde? Wozu soll die Feststellung von Unterschieden oder Gemeinsamkeiten dienen? Was wird damit verständlicher? Geht ein solcher Vergleich über ein Potpourri an möglichen Ähnlichkeiten und Abweichungen hinaus? Der Vortrag wird sich mit der Frage beschäftigen, ob sich ein Instrumentarium des Vergleichs entwickeln ließe, das solche Unsicherheiten beseitigen könnte.

Gaby Straßburger:
Zur Notwendigkeit des Vergleichs von kulturellen Konzepten bei der Analyse interkultureller Interviews

Anhand der Textanalyse interkultureller Interviews soll gezeigt werden, daß es nötig ist, nicht nur unmittelbare Aussagen zu analysieren, sondern auch danach zu fragen, welche unterschiedlichen kulturell geprägten Konzepte von den Beteiligten bei ihren Aussagen "mitgedacht" werden. Wird die Analyse dieser unausgesprochenen Konzepte vernachlässigt, und stattdessen unhinterfragt davon ausgegangen, daß die Beteiligten mit gleichen Begriffen Gleiches verbinden, ist die Gefahr gegeben, kulturelle Mißverständnisse zu produzieren oder zu bestätigen.
Die gewählten Beispiele stammen aus einer Studie über die Ehepartnerwahl von Angehörigen der zweiten Migrantengeneration türkischer Herkunft in Deutschland. Die vergleichende Analyse der unterschiedlichen Beziehungskonzepte der deutschen Forscherin und der türkischen Befragten trägt dazu bei, den Alltagsdiskurs über arrangierten Ehen in Frage zu stellen, demzufolge diese Ehen fremdbestimmt sein sollen und einen Widerspruch zur Moderne darstellen. Stattdessen läßt sich zeigen, daß arrangierten Ehen ein nicht-westliches, stärker familien-orientiertes Verständnis von Modernität zugrunde liegt.