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die Koordinatoren des Orientalistentages |
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Der Vergleich ist ein häufig verwendetes Hilfsmittel, um Strukturen in Gesellschaften durch kontrastive
Abgrenzung besser verstehen und beschreiben zu können. Der historische Vergleich, als dessen Begründer
meist Marc Bloch genannt wird, ist in den historischen Wissenschaften gut eingeführt (als Beispiele für rezente deutschsprachige
Veröffentlichungen zu den heuristischen Aufgaben und Leistungen des Vergleichs siehe H.-J. Haupt und J. Kocka, Geschichte und Vergleich.
Frankfurt 1996; H. Kaelble, Der historische Vergleich. Frankfurt 1999). In der europäischen Geschichtswissenschaft
wurde der Vergleich am häufigsten für die innereuropäische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingesetzt. Der
transkulturelle Vergleich hingegen widmet sich Gesellschaften, die nicht in engen Austauschbeziehungen stehen. In einer
universalen Variantenanalyse können gesellschaftliche Institutionen und Praktiken, die in vielen Teilen der
Erde vorkommen, als universal und daher nicht kulturspezifisch erkannt werden. Vor allem die historische Soziologie (wichtige
Vertreter sind u.a. Reinhard Bendix, Shmuel N. Eisenstadt, Jack Goldstone, Michael Mann, Barrington Moore Jr., Theda Skocpol
und Immanuel Wallerstein) hat die Vielfalt vormoderner Gesellschaftsformen und vormoderner Staatlichkeit untersucht und
nach alternativen Pfaden in die moderne Welt gefragt.
Kontakt:
Christoph Brumann:
In der Ethnologie hat vergleichende Forschung eine besonders lange Tradition, nicht nur implizit -
durch den Bezug auf die Herkunftsgesellschaft des Ethnologen, die umweigerlich zum Vergleichsgegenstand für
die beobachtete fremde Gesellschaft wird -, sondern auch als bewußt angewendete Methode. Der Vergleich kann sich
dabei auf wenige, tiefer ergründete, möglicherweise allesamt selbst empirisch erforschte Gesellschaften
beziehen, die dann häufig bestimmte Grundmerkmale wie Region, Wirtschaftsweise o. ä. teilen.
Häufiger allerdings wird eine größere Fallzahl einbezogen, oft aus der ganzen
Welt, und angestrebt ist dann die Ermittlung von universalen Kausalzusammenhängen in menschlichen Gesellschaften.
Für den letzteren Ansatz stehen Datenbanken zur Verfügung, die für eine große Zahl von
Gesellschaft und Sachkategorien Textstellen aus Ethnographien oder bereits fertig kodierte Variablen anbieten.
Heiko Henkel:
Sozialwissenschaftlich 'vergleichende' Studien sind bekanntermaßen problematisch, werfen sie doch stets die Frage
auf, was die angemessenen Kategorien für einen solchen Vergleich sind. Insbesondere bei Vergleichen über
'Kulturgrenzen' hinweg - wie zum Beispiel beim Vergleich westeuropäischer und nahöstlicher Gesellschaften -
ist die Gefahr groß, daß die eine Gesellschaft an den Kriterien der anderen gemessen und so stets
als 'zu leicht' befunden wird.
Anhand des Beispiels der modernen Geschichte der islamischen Bewegung in der Türkei schlägt der Vortrag in diesem
Zusammenhang zweierlei vor:
Thomas Kühn:
Die Eroberung der späteren Provinz Jemen (Yemen vilayeti) durch osmanische Truppen in den Jahren
1848-1873 war Teil eines Prozesses imperialer Expansion, in dessen Verlauf die rivalisierenden
Großmächte Frankreich, Großbritannien, Italien und das Osmanische Reich sich Herrschafts-
und Einflußsphären entlang des Roten Meeres, am Horn von Afrika und auf der Arabischen Halbinsel zu
sichern suchten. War, so ist angesichts dieser Parallelen zu fragen, auch die osmanische Herrschaft im
Jemen von Elementen kolonialer Herrschaft geprägt? Welcher methodologische Ansatz ist am ehesten geeignet,
diese Frage zu beantworten?
Jens-Martin Mehler:
Zu Beginn der 1990er Jahre nahm - vor allem unter dem Eindruck des Wahlerfolgs der Front Islamique du Salut (FIS) in Algerien - die
Zahl der Untersuchungen islamisch/fundamentalistischer Bewegungen stark zu. Wie bereits nach der Islamischen Revolution im Iran 1979
fragten sich westliche Beobachter erneut, wie Auftreten und Erfolg dieser neuen Bewegung zu erklären sei. Eine wissenschaftliche
Definiton des Phänomens wurde durch eine Inflation der Begriffe erschwert: Reislamisierung, Revitalisierung, Islamismus,
Integralismus und schliesslich islamischer Fundamentalismus - mit diesen Bezeichnungen wurde versucht, sich zumindest auf
Begriffsebene anzunähern, allerdings ohne befriedigendes Ergebnis. Sicher schien damals nur Eines zu sein: Islamischer
Fundamentalismus hatte ganz offensichtlich die regionalen Nationalismen im Nahen und Mittleren Osten engültig abgelöst und
das politische Konzept der Umma Arabiya durch das politisch/religiöse der Umma Islamiya ersetzt.
Maurus Reinkowski:
Vergleichende Arbeiten zum Osmanischen Reich widmen sich meist dem Vergleich des Osmanischen Reiches mit `anderen
Geschichten'. Oft ist dies mit dem Plädoyer verbunden, die osmanische Geschichte an der Weltgeschichte
teilhaben zu lassen und damit auch die Disziplin der Osmanistik als Teil einer allgemeinen, vergleichenden
Geschichtswissenschaft zu betrachten. Tatsächlich ist osmanische Geschichte nicht als ein Thema sui generis aus der
modernen Geschichtsforschung auszuschließen; die Osmanen waren Teil der europäischen Geschichte, aber sie waren
ebenso - wie auch andere europäische Staaten- "Außenseiter Europas" (R. Bonney).
Gaby Straßburger:
Anhand der Textanalyse interkultureller Interviews soll gezeigt werden, daß es nötig ist, nicht nur unmittelbare
Aussagen zu analysieren, sondern auch danach zu fragen, welche unterschiedlichen kulturell geprägten Konzepte von den
Beteiligten bei ihren Aussagen "mitgedacht" werden. Wird die Analyse dieser unausgesprochenen Konzepte
vernachlässigt, und stattdessen unhinterfragt davon ausgegangen, daß die Beteiligten mit gleichen Begriffen
Gleiches verbinden, ist die Gefahr gegeben, kulturelle Mißverständnisse zu produzieren oder zu bestätigen.
Methodische Probleme des Vergleichs
Die orientalistischen Disziplinen überschreiten zwar durch ihre Tradition, sich mit Kulturen zu beschäftigen,
oft nationalstaatliche Grenzen, beschränken sich aber durch zunehmende Spezialisierung auf ihr jeweils eigenes
Forschungsgebiet. Da gemeinsame inhaltliche, aber auch theoretische Anliegen oft nicht wahrgenommen werden, kommunizieren
diese Fächer nur selten miteinander.
Das Panel zu methodischen Problemen des Vergleichs bei der Forschungsarbeit über nicht-westliche Gesellschaften will
versuchen, über gemeinsame methodische Anliegen und Schwierigkeiten sich gegenseitig mitteilbar zu machen. Es sollen nicht
große transkulturelle Entwürfe vorgestellt werden, sondern das Panel soll als ein workshop dienen, in dem
die Teilnehmer ihre Probleme und Aporien bei vergleichenden Arbeiten (ob sie nun ethnologisch, historisch, philologisch, politologisch oder soziologisch orientiert sind) erläutern.
Kann ein solcher, auf ein spezifisch methodisches Problem gerichteter Austausch - ohne nähere Kenntnis der jeweils anderen Forschungsmaterie - zu einem sinnvollen Dialog führen?
Maurus Reinkowski, Lehrstuhl für Turkologie, U11, Universität Bamberg, 96045 Bamberg
Tel. 0951 / 863 2196 oder 863 2182;
Email: maurus.reinkowski@split.uni-bamberg.de
V O R T R Ä G E I N D E M P A N E L:
Kulturvergleichende Forschung in der Ethnologie: Überblick und ein
Fallbeispiel (Lebensdauer utopischer Kommunen)
Eine Verbindung der beiden Herangehensweise wurde in einer eigenen kulturvergleichenden Forschung zu den
Überlebensbedingungen kommunitärer Gruppen versucht, d. h. Gemeinschaften, die auf freiwilliger Basis ihr
gesamtes Eigentum teilen und damit häufig religiöse oder utopische Ziele verfolgen (wie etwa Kibbutzim,
Hutterer, Shakers, Bruderhof-Gemeinschaften). Viele dieser Experimenten scheitern schnell, manche aber werden sehr
alt, so daß sich die Frage nach den Ursachen stellt. Um sie zu beantworten, wurden 43 gut beschriebene Fälle
mit unterschiedlichen Lebensdauern aus den letzten beiden Jahrhunderten mithilfe eines einheitlichen Begriffsrasters
erfaßt und dann verglichen. Es zeigt sich, daß ein allzu dominanter charismatischer Führer die
Überlebenschancen einschränkt, in seiner Abwesenheit aber sowohl mit einer auf traditionelle Weise Gut und
Böse, Sakrales und Profanes trennenden Religion als auch mit einer liberal-egalitären säkularen
Ideologie lange Lebensdauern erreicht werden können. Zuträglich sind
zudem eine Größe von 75 bis 500 Menschen pro Siedlung, eine Struktur von
mehreren ungefähr gleichgewichtigen, sich gegenseitig kontrollierenden
Zweigsiedlungen und eine monogame Familienstruktur, die den Mitgliedern
aus der Außenwelt bekannte Schemata nicht angreift.
"Was machen Sie denn so den ganzen Tag"? Die 'Disziplinen der Lebenswelt' als Kategorien des sozialwissenschaftlichen Vergleichs
1. Trotz aller Problematik bleibt der 'Vergleich' ein zentrales Problem für die Sozialwissenschaft -
und zwar nicht nur für explizit vergleichende Studien, denn auch Forschungsprojekte, die oberflächlich
keinerlei Vergleich anstreben, haben nicht selten eine unausgesprochene vergleichende Komponente. Dies gilt
insbesondere für Studien zum Nahen und Mittleren Osten, da hier ja vergleichende Kategorien wie Orient und
Okzident, traditionelle und moderne Gesellschaft etc. bereits den Diskurs vorstrukturieren.
2. Der zweite Teil des Vortrags skizziert einen Versuch über diese dichotomen und konzeptionell unbefriedigenden
Kategorien hinauszukommen. Sowohl um historische Veränderungstendenzen zu verfolgen als auch für
einen 'inter-kulturellen' Vergleich erscheint es mir am interessantesten, sich die 'Disziplinen der Lebenswelt'
in der jeweiligen Gesellschaft anzuschauen. Diese 'Disziplinen', also bestimmte, abgrenzbare Formen von
institutionalisierter sozialer Praxis, sind deshalb so interessant, weil sie zum einen abgrenzbare
soziale Phänomene sind (und damit beschreibbar und vergleichbar) und sie außerdem unmittelbar Bedingung
für die Bildung von Subjektivität sind.
The Pitfalls of Comparative Approaches: Zum Problem der Erforschung
einer osmanischen Grenzregion (Jemen im 19. Jahrhundert)
In meinem Beitrag versuche ich zu zeigen, daß ein direkter Vergleich der Diskurse und Praktiken
osmanischer Herrschaft im Jemen mit jenen der europäischen Kolonialherren im benachbarten Aden, Sudan oder
in Eritrea wenig hilfreich ist, um hier zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen. So ist es angesichts
der großen Vielfalt kolonialer Herrschaftsformen in den britischen, französischen und
italienischen Imperien insgesamt äußerst problematisch, jene Besitzungen in der Rotmeerregion
als 'typische' Kolonien zu sehen. Vielversprechender erscheint es, über den Rahmen eines
Vergleichs regionaler Fallstudien hinauszugehen. Zum Beispiel ist mit Blick auf Prozesse, die in
europäischen Imperien dieser Epoche zu beobachten sind, vielmehr zu untersuchen, bis zu welchem Grade
die Bewohner der Provinz Jemen in ein politisches Gemeinwesen integriert wurden, daß sich seit den
Tanzimat zunehmend als Gemeinschaft von Staatsbürgern definierte. Mit anderen Worten, lassen sich in den
Diskursen und Praktiken osmanischer Herrschaft Hinweise darauf finden, daß die lokale Bevölkerung
außerhalb der Grenzen einer entstehenden osmanischen Nation stand? Läßt sich die
osmanische Präsenz in Südwest-Arabien mit Partha Chatterjee als "rule of colonial difference" beschreiben?
Ist Interdisziplinarität die Lösung? Ein methodischer Ansatz am Beispiel eines historisch-typologischen Vergleichs islamisch/fundamentalistischer Bewegungen
In meinem Beitrag möchte ich darstellen, wie sich mit Hilfe eines historisch-typologischen Vergleichs das Phönomen des
islamischen Fundamentalismus einordnen und per definitionem erfassen lässt. Zu diesem Zweck wurden Bewegungen dieser Art in
Syrien und Algerien in ihrer historischen Entwicklung untersucht, verglichen und in Typologien eingeordnet. Gundlage hierfür waren
die Anwendung einer Längsschnittanalyse sowie von Differenz- und Korkordanzmethode. Neben der Darstellung dieser vergleichenden
Methode und ihrer Ergebnisse soll aber gefragt werden: Ist ein solcher Ansatz, sprich: die Verknüpfung interdisziplinärer
Methoden (so wie in vorliegendem Fall aus den Bereichen Politik-, Geschichts- und Islamwissenschaft) sinnvoll und durchführbar?
Welche Schwierigkeiten ergeben sich, nicht nur in methodischer Hinsicht aber auch für den Wissenschaftler, dessen Ausbildung
nicht interdisziplinär sondern fachspezifisch ausgerichtet ist? Schliesslich soll die Frage gestellt werden, welche Fortschritte
interdisziplinärer Forschung innerhalb der Orientwissenschaften in der vergangenen Dekade erzielt wurden und welche Rolle hierbei der
Vergleich gespielt hat.
Wie bewahrt man - rein theoretisch - den Vergleich vor der Pleite? Zum innerosmanischen Vergleich
`Innerosmanische' Vergleiche sind jedoch selten zu finden. Osmanisten bearbeiten wegen der enormen
Größe und Vielfalt des Untersuchungsgegenstandes `Osmanisches Reich´ in der Regel nur einen Teil der
ehemaligen Regionen des Osmanischen Reiches. Im besonderen Maße erscheinen Südosteuropa und die
arabischen Provinzen voneinander losgelöst. Symptomatisch ist hierfür der 1996 von C.L. Brown herausgegebene
Sammelband Imperial Legacy: The Ottoman Imprint on the Balkans and the Middle East, in dem neben
Beiträgen über die politische Kultur der Osmanen und ihr generelles Erbe die jeweiligen Spezialisten für die
südosteuropäischen beziehungsweise arabischen Provinzen getrennt das osmanische Erbe diskutieren. Der Versuch
eines direkten Vergleichs zwischen diesen beiden - neben Kleinasien - wichtigsten Regionen des Osmanischen
Reiches wird nicht unternommen.
Zahlreiche süosteuropäische und arabische Regionen weisen jedoch ähnliche Strukturen auf: So besaßen z.B.
Nordalbanien (Shkodra) und das Libanongebirge einen peripheren Charakter, tribale Machtstrukturen und
eine ethnisch-konfessionelle Durchmischung. Die Benennung von `ähnlichkeiten' und `Unterschieden' zwischen diesen
beiden Regionen wirkt auf den ersten Blick illustrierend, aber wenig zwingend. Wenn eine direkte Beziehungsgeschichte
zwischen Nordalbanien und dem Libanongebirge ausgeschlossen werden kann, wie erklären sich dann Ähnlichkeiten?
Liegen hier etwa zwei ähnlich strukturierte Regionen vor, mit einer vornehmlich tribal organisierten Gesellschaft,
so wie sie in vielen Teilen der vormodernen Welt nachweisbar sind? Oder war der Einfluß der Osmanen auf diese
beiden Gebiete so stark, daß eine gewisse Konvergenz bewirkt wurde?
Wozu soll die Feststellung von Unterschieden oder Gemeinsamkeiten dienen? Was wird damit verständlicher? Geht
ein solcher Vergleich über ein Potpourri an möglichen Ähnlichkeiten und Abweichungen hinaus?
Der Vortrag wird sich mit der Frage beschäftigen, ob sich ein Instrumentarium des Vergleichs entwickeln ließe, das
solche Unsicherheiten beseitigen könnte.
Zur Notwendigkeit des Vergleichs von kulturellen Konzepten bei der Analyse interkultureller
Interviews
Die gewählten Beispiele stammen aus einer Studie über die Ehepartnerwahl von Angehörigen der zweiten
Migrantengeneration türkischer Herkunft in Deutschland. Die vergleichende Analyse der unterschiedlichen
Beziehungskonzepte der deutschen Forscherin und der türkischen Befragten trägt dazu bei, den Alltagsdiskurs
über arrangierten Ehen in Frage zu stellen, demzufolge diese Ehen fremdbestimmt sein sollen und
einen Widerspruch zur Moderne darstellen. Stattdessen läßt sich zeigen, daß arrangierten Ehen ein nicht-westliches,
stärker familien-orientiertes Verständnis von Modernität zugrunde liegt.