DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der fächerübergreifenden Panels
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 28. Februar 2001

Walther Sallaberger:
Ritual und Geschichtsschreibung

Während zum Wesen von Ritualen gerade ihre Wiederholbarkeit gehört, wird die Geschichte von einzelnen, herausragenden Taten bestimmt. In diesem Panel soll es um die Verbindung dieser beiden Aspekte in der Textüberlieferung orientalischer Hochkulturen gehen.
Das Ritual nimmt nicht nur auf die Geschichte Bezug, sondern das Ritual bildet auch ein Thema von Chroniken oder anderen Arten von Geschichtsschreibung. Im interdisziplinären Herangehen kann der jeweilige kulturelle Kontext, in dem die einschlägigen Texte geschaffen wurden, prägnanter herausgearbeitet werden.
Derzeit umfasst das Panel Beiträge zum Alten China (H. van Ess), zu Nepal (A. von Rospatt) und zum Alten Orient (W. Sallaberger), weitere Teilnehmer sind willkommen.



V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Alexander v. Rospatt: Priesterliche Ritualchroniken aus Kathmandu als besonderer Fall südasiatischer Geschichtsschreibung
Die im Schnitt ca. all 50 Jahre (eine Regel gibt es nicht) stattfindenden Renovierungen des Svayambhu-Stupas von Kathmandu wurden vom 16. bis 19. Jahrhundert von den partizipierenden buddhistischen Priestern (vajracarya) der Newar-Tradition in eigenen Chroniken aufgezeichnet. Diese überaus detailreichen Texte sollen zum einen bei späteren Renovierungen als Leitfaden dienen, haben also einen präskriptiven Charakter. Es werden aber in den Texten auch viele Einzelheiten aufgezeichnet, die nur von historischem Interesse sind. Insofern stellen diese Ritualchroniken zum anderen auch eine Form von Geschichtsschreibung dar. Dabei reflektieren die Quellen die Perspektive der Chronisten. Die Götter, die "dreimal Gesegneten", sind den Königen, den "zweimal Gesegneten", nicht nur übergeordnet, sondern als Gegenstand für Geschichtsschreibung auch von größerem Belang. Die Könige treten in den Ritualchroniken nur als untergeordnete Protagonisten auf, und politische Ereignisse (militärische Eroberungen etc.) werden nur insofern verzeichnet, als sie die Macht und Wirksamkeit der Gottheit belegen. Der Kultus der Gottheit dient also nicht zur Legitimation von Königsherrschaft, sondern steht selber im Mittelpunkt.

Walther Sallaberger: Von historischen Taten zu rituellem Königtum. Anfänge und frühe Entwicklung in der Darstellung des mesopotamischen Herrschers in seinen Texten
Geschichte wird im Alten Orient vom Herrscher bestimmt, der zudem eines der Zentren der Religion bildet. So werden in den Texten des Herrschers nahe liegender Weise sowohl die historischen Fakten als auch die zeitlos-rituelle Darstellung des Königtums begegnen. Das Interesse gilt nun dem Wechselspiel zwischen diesen beiden Darstellungsarten, etwa der Transformation historischer Ereignisse und Taten in eine nicht-spezifische, zeitlose, religiös ausgerichtete Beschreibung oder - auf einer anderen Ebene - der vorrangigen Auswahl an historischen Begebenheiten (z. B. Schlachten) oder an rituellen Aufgaben (z. B. Ernennung einer Priesterin). Diese Fragestellung wird genauer anhand der ersten Zeugnisse königlicher Texte, die in Mesoptamien in die Mitte des 3. Jtsds. v. Chr. datieren, untersucht. Dabei deutet sich an, dass entgegen der allgemeinen Lehrmeinung, nicht die religiös determinierte Ideologie am Anfang steht, sondern dass sich eine solche Darstellungsart offensichtlich erst entwickelt. Die berühmten "Reformtexte Urukaginas" (24. Jh. v. Chr.) bilden dafür bei einer genauen Textbetrachtung überraschender Weise (im Gegensatz zum bisherigen Verständnis) ein wichtiges Zeugnis.