DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
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Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Sinologie
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 21. Februar 2001

Dennis Schilling (Dennis.Schilling@lrz.uni-muenchen.de):
Exemplarische Biographien von Frauen im chinesischen Kaiserreich

Biographien stellen einen wichtigen Zugang für die Erforschung der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Frau im chinesischen Kaiserreich dar. Dieser Literaturform ist es eigen, daß ihre Abfassung in erster Linie nicht der Beschreibung der sozialen Wirklichkeit dienen soll, sondern moralischen wie auch unterhaltenden Gesichtspunkten verpflichtet ist. Grundlegend für die biographische Geschichtsschreibung der Frau wurde die Ende der westlichen Han-Zeit verfaßte Biographiensammlung von Liu Xiang, das Werk Lie nü zhuan ("Biographien exemplarischer Frauen"). Diese Werk ist nach einer strengen moralischen Typologie geordnet. Der moralische Typus steht im Vordergrund, die Biographie verschwindet hinter dem Exempel der Lebensführung. Die Beiträge des Panels möchten auf der einen Seite mit einem Blick auf die zeitlich vor dem Werk Lie nü zhuan zu datierende Literatur den Entstehungsprozeß der biographischen Darstellung der Frau beleuchten. Auf der anderen Seite soll anhand von Untersuchungen zu biographischen Darstellungen der späteren Zeit versucht werden, den Wert dieser Literaturgattung für Aussagen der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Frau zu bestimmen.



V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L:

Daria Berg: Der Kult um Tan Yangzi: eine junge Frau im China der späten Kaiserzeit
Tan Yangzi (1558-80) ist eine Frauengestalt aus dem China der späten Kaiserzeit, der wir auf dem Grenzgebiet von Literatur- und Geschichtsforschung begegnen. Sie bewegt sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit und wir können uns ihr nur über die Perspektive ihrer zeitgenössischen, männlichen Beobachter nähern. Der berühmte Schriftsteller Wang Shizhen (1526-90) und der Literatenbeamte Fan Shouji (1542-ca. 1611) sind die Verfasser von zwei Biographien dieser jungen taoistischen Mystikerin, die im Alter von 21 Jahren zur Unsterblichen erklärt wurde. Sie erzählen vom Leben und Schaffen der Tan Yangzi und von ihren Lehren über die Rükkehr zur Schlichtheit und Heiterkeit.
Diese historischen Quellen vermitteln uns jedoch mehr als nur die Darstellung einer jungen Frau, die konfuzianische Gelehrte sowie die hohen Minister des Kaisers von China zu ihren Schülern zählte. Die Geschichte der Tan Yangzi symbolisiert den Zeitgeist einer Epoche am Ende der Ming-Dynastie, eine Zeit des moralischen und politischen Verfalls, in der sich eine dekadente und effeminierte Literatenelite in Erwartung der Apokalypse und des Weltuntergangs junge Frauen zu Göttinnen erkor und bei ihnen Heilung und Rettung suchte. Die Analyse der Rhetorik dieser Berichte in ihrem literarischen und geschichtlichen Umfeld eröffnet uns einen seltenen und wertvollen Zugang zum Diskurs über Volkskulte, die Stellung der Frau und die inoffizielle Kultur Chinas.

Jianfei Kralle: Bao Si - eine vermeintliche Vernichterin
Bao Si, Favoritin des letzten Herrschers der Westlichen Zhou (traditionell datiert ca. 11 Jh. - 770 v. Chr.), des Königs You, der von 781 bis 770 v. Chr. regierte und in der traditionellen chinesischen Historiographie in schlechtem Ruf steht, wird in der Überlieferung bis heute als ein typisches Exemplar der Dynastie-Vernichterinnen gesehen: ein Bild, das wesentlich durch die Frauenbiographien des Han-zeitlichen Gelehrten Liu Xiang (79 - 8 v. Chr.) geprägt wurde. Eine Untersuchung der älteren Bausteine dieser Geschichte zeigt jedoch, daß dieses Bild vor allem durch die Anpassung an die argumentativen Bedürfnisse des jeweiligen Kompilators entstanden ist und hauptsächlich einem didaktischen Zweck dient.

Lauren Pfister: Can Democracy be Grounded on Master Meng's Philosophy?
For over forty years claims have been made inside and outside of China regarding the "democratic" potential of certain passages in the Mengzi, especially related to the doctrine pronouncing the "common people to be the most important" element in the ancient Chinese kingdoms. This doctrine we will call the "demophilic" teaching of Master Meng, and it is this doctrine that we will seek once more to interpret from a comparative philosophical point of view in the light of these various claims related to its democratic potential.
In fact, these claims have been so controversial, producing such a variety of positions, that we will start by providing an overview of the variety of positions. Following this, the demophilic will be compared and contrasted to the democratic: first in terms of its political meaning and significance, and then in relation to larger cosmological problems. In the latter case, we will approach the political philosophy of Master Meng from an unusual angle, comparing its background cosmology to the doctrines of the Stoic Roman philosopher-emperor, Marcus Aurelius.
OnIy after going through this long interpretive route will we then present a final statement regarding how the demophilic might be made into something democratic, picking up various themes discussed in the literature of New Ruism ("Confucianism") in Taiwan and Hongkong.

Dennis Schilling: Zur Darstellung der Herrscherin im Zuo zhuan
Das Werk Zuo zhuan, der Kommentar zum Chun qiu, der Chronik des Staates Lu, dem Gelehrten Zuo Qiuming zugeschrieben, ist eine der bedeutendsten Quellen für Geschichte und Gesellschaft der frühen östlichen Zhou-Zeit. Interpretationen der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind mit dem Problem konfrontiert, daß das Material verschiedene, geradezu gegensätzliche Perspektiven der Darstellung aufweist. Einerseits besteht das Werk aus in sich abgeschlossenen literarischen Kleinformen, der Anekdote und der Wiedergabe rhetorischer Kunstwerke, andererseits baut es auf größeren Erzählstrukturen auf und bindet Themenkomplexe zusammen. Drittens ist es als Kommentar in eine strenge chronologische Ordnung eingebunden wie auch der Explikation der Chronik verpflichtet. Der vorliegende Beitrag versucht, anhand einer Untersuchung der Darstellung der Person der Herrscherin einen Horizont aus philologischer Sicht für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit der Frau zu entwerfen.

Thomas Zimmer: Ferne und Fremde in den 'liezhuan'-Kapiteln der chinesischen Dynastiegeschichten
Der Vortrag versteht sich als Heranführung an Teilbereiche eines bereits seit längerem betriebenen Forschungsprojekts, das sich mit dem Problem der Ferneauffassungen in China auseinandersetzt. Als Textgrundlage sind Abschnitte aus einer Auswahl jener Standard-Dynastiegeschichten herangezogen worden, die im Anschluß an Sima Qians (ca. 145-86 v .Chr.) Aufzeichnungen des Großhistorikers entstanden sind. Diese Dynastiegeschichten bestehen aus mehreren Sektionen, darunter die der sog. liezhuan. Die liezhuan werden als "in Gruppen angeordnete Biographien" bzw. "Erinnerungen" verstanden, doch sind neben biographischen Übersichten am jeweiligen Ende der liezhuan-Sektionen auch Ausführungen zu fremden Völkern und Ländern zu finden.
In der westlichen Sinologie gibt es nun zwar bereits eine längere Forschungstradition, in der diese ethnographischen Abschnitte der liezhuan als Grundlage genommen werden, doch zog man das Material bislang überwiegend zu Erläuterungen der Außenbeziehungen Chinas, Fragen der Grenzpolitik u. ä. heran. Im Gegensatz dazu hat es sich der Vortragende zur Aufgabe gemacht, mittels eingehender Rekurrenz auf die Texte die Strategien und Methoden der Verfasser von Dynastiegeschichten bei ihrem Bemühen zu veranschaulichen, in dem Fernen und Fremden das ganz Andere, scheinbar Unbegreifliche aufscheinen zu lassen. Hierbei lassen sich zum einen klischeehafte Vorstellungen bezüglich der "exotischen" Völker anführen, durch die der Fremde zum Anderen, zum Wilden schlechthin stilisiert wird, der auszugrenzen ist und unverständlich zu bleiben hat. Belege für das sinozentrische Weltbild, das der konstruierten Gegenwelt des "Wilden" bedarf, lassen sich hier in großer Zahl anführen. Zum anderen ist aber auch das ethnographische Bedürfnis festzustellen, Faktisches über die Begegnung mit den Fremden zu notieren und einzuordnen, etwa durch Hinweis auf bestimmte Eigenschaften, das äußerliche Erscheinungsbild oder (aus der Sicht der Verfasser) auffällige Gewohnheiten. Vor allem in den frühen Textbeispielen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten läßt sich die Konkurrenz zwischen mehr oder weniger gesichertem Wissen und dem gerüchtehaften Hörensagen sowie eine zunehmende Skepsis gegenüber letzterem gut belegen, wenn zum Beispiel allzu phanatastische Erzählungen über große Reichtümer in der Fremde vor dem Hintergrund der bescheidenen Gaben von Gesandten aus jenen Gegenden als Lügen erkannt werden. Des weiteren läßt sich anhand des Vergleichs von Schilderungen in den aufeinander folgenden Dynastiegeschichten das Bemühen von offizieller Seite erkennen, die alten Sichtweisen in bezug auf das Fremde angesichts neuer Erkenntnisse aus aktuellen Kontakten zu revidieren, so daß das chinesische Weltbild wenigstens zeitweise einen durchaus dynamischen Charakter angenommen zu haben scheint. Aufgrund derartiger Erkenntnisse, die sich aus der Bearbeitung der Dynastiegeschichten ergeben, wäre die in der Sinologie These häufig geäußerte These von Starrheit bzw. Unwandelbarkelt des chinesischen Weltbildes zu überprüfen.