DMG- XXVIII. Deutscher Orientalistentag, Bamberg, 26.-30.3.2001
 
[Hauptseite] [Sinologie] [Panels]  
 
Abstracts / Zusammenfassungen der Panels
Sinologie
die Koordinatoren des Orientalistentages
Stand 21. Februar 2001

Angela Schottenhammer:
Gräber und Totenvorstellungen im Alten China


V O R T R Ä G E   I N   D E M   P A N E L

Christoph Kaderas: Mehr als Bücherwissen: Allgemeinwissen in "Entscheidungen" (pan) der Tang-Zeit
Die Fragen und Antworten der pan ("Entscheidungen") des Bo Juyi (772-846) sind ein einmaliger Schlüssel für das Verständnis der alltäglichen Amtsgeschäfte eines gewöhnlichen Beamten in der Tang-Zeit (618-907). Durch die Auseinandersetzung mit den Aufgaben, die Beamtenanwärter in den Auswahlexamina lösen mussten, läßt sich erkennen, auf welches Wissen die Prüfungskandidaten zurückgriffen, um strittige Zweifelsfragen zu lösen.
Fraglos galt es in stilistischer Hinsicht, einen höchst artifiziellen Duktus zu beherrschen: hier mussten die Kandidaten souverän mit Klassikerzitaten argumentieren können, wollten sie ihre große Belesenheit unter Beweis stellen. Auch ist es unstrittig, dass die Prüfungsfragen natürlich in einen Zusammenhang mit den Aufgabenbereichen eines Beamten standen. Es bleibt aber die Frage, was überhaupt die konkreten Aufgaben eines Beamten zur Tang-Zeit tatsächlich waren. Bislang gab es nur wenige Darstellungen, die diese Frage erschöpfend beantworteten. An dieser Stelle bietet uns die Analyse der pan wichtige Anhaltspunkte.
Im Vortrag geht es darum, in repräsentative Fragestellungen einzuführen, die von Examenskandidaten entschieden werden mussten. Die hierbei skizzierten Themenstellungen machen verständlich, dass ihre Behandlung weniger auf Fachwissen, Spezialkenntnis kanonischer Schriften oder Klassikerexegese, sondern vielmehr auf ein profundes Allgemeinwissen angelegt waren.
Es ist kaum verwunderlich, dass ein Teil der Prüfungsfragen mit dem Lebensbereich zusammenhängen, mit dem sich die Beamtenanwärter am besten auskennen mussten: der Sphäre der Beamtenprüfungen und Aufgabenbereiche der normalen Beamten. Der erste Teil des Vortrags ist daher Fragen gewidmet, die sich auf den normalen Alltag gewöhnlicher Regierungsbeamter richten. Im zweiten Teil werden dann die wirklich verblüffenden Teile der Fragestellungen der anderen Seite des Beamtenalltags vorgestellt. Bei einer genauen Durchsicht der Aufgaben zeigt sich, dass lediglich 51 - also die Hälfte - der insgesamt 101 Aufgaben in Bo Juyis Pan-Sammlung unzweifelhaft Aufgabenbereichen zuzuordnen sind, die unseren Erwartungen von dem Aufgaben eines Zivilbeamten entspricht; die übrigen Problemstellungen berühren Fragen, die nicht eindeutig zu definieren sind.

Gudula Linck: Die Räume der Toten - Sepulkralkultur im vormodernen China
Versuchen wir, uns die Räume vorzustellen, in denen sich nach vormoderner chinesischer Vorstellung die Toten aufhalten, so denken wir als erstes an die monumentalen Grabanlagen des Qin-shi-huang-di und der Han-Kaiser sowie an die auf hohem künstlerischen Niveau gestalteten Grabkammern der Beamten- und Gelehrten-Elite während der gesamten Kaiserzeit. Vielleicht fällt uns noch Zhuang Zhous Zwiegespräch mit dem Schädel ein, der ihm unterwegs als Kopfkissen diente. Daß hinter der letzten Anekdote ein gänzlich anderes Verständnis von Leben und Sterben steht als hinter den Grabmonumenten liegt auf der Hand. Aber auch die qin- und hanzeitlichen Grabanlagen auf der einen Seite und die Grabkammern der tang- und songzeitlichen Beamten- und Gelehrtenschicht auf der anderen sind durchaus nicht genau demselben Welt- und Selbstverständnis entsprungen.
Um diesen Bezug geht es mir: Räume der Toten und Lehre vom Sein.
Hat uns die offizielle europäische Ontologie daran gewöhnt: Substanz, Akzidens und Relation zu unterscheiden und Substanz (das An- und-für-sich-Sein eines festen Körpers) ausgezeichnet vor der Relation (dem Sein-für-anderes, dem Kontextbezug), so nahm das vormoderne China eine etwas andere Gewichtung vor: Nicht nur sind Akzidensen u.U. Wesensbestandteile (5 Farben z.B.), auch die Relation, die Stellung im Kontext, ist entscheidend für die Wesensart der Substanz. Mit anderen Worten, wir bemerken eine kulturelle Weigerung, diese Aspekte zu isolieren; vielmehr hängen die Dinge und Phänomene miteinander zusammen, wirken aufeinander, bilden eine gemeinsame Situation. Dazu lassen sich Beispiele aus der Grammatik, der Sprache, der Medizin, der Philosophie und der Sozialstruktur aufführen.
Vor dem Hintergrund des vormodernen chinesischen Weltbildes, das vor allem an Relation und Kontext interessiert war, würden wir eine Situationsontologie, aber keine Substanzontologie erwarten. Und doch lassen sich beide in der traditionell chinesischen Sepulkralkultur nachweisen und darüber hinaus eine dritte, die ganz wesentlich das Selbstverständnis der vormodernen Elite prägte, nämlich die Wandlungsontologie.
In meinem Vortrag sollen erstens diese drei Ontologien an Hand der traditionellen chinesischen Sepulkralkultur erläutert werden, wobei diese nie in Reinform, sondern immer in Mischungen auszumachen sind. Zweitens lassen sich diesen Ontologien verschiedene Weisen leiblichen Spürens zuordnen, die die Lebenden mit Sterben und Tod verbinden.
Gudula Linck, Kiel 13.11.00

Antoaneta Nikolova: The Idea of Void in Chinese Poetry (Tang' Dynasty)
According to Eastern Philosophy Void is one of the most appropriate names for the Absolute Reality. This reality lies beyond all characteristics, categories and dichotomies of mind. For this reason it cannot be expressed by concepts of mind but rather by no-words (transcending dichotomy of profane speaking and profane silence): words of the zero dimension, the dimension of Void. Among all human languages the poetry is the closest one to the language of this dimension.
Eastern culture approaches to the vision of Void in both metaphysical and poetical ways. Taoism and Buddhism, especially in its Chinese forms, elaborated it from the philosophical point of view. The main conclusions of these schools may be revealed in the canvas of Chinese poetry. Especially fruitful in this connection is the period of Tang' dynasty (7-10 c.). For this reason the poets from this period may be called Tao-poets (according to the great Russian sinologist V. M. Alekseev). At that "Tao" is another expression for Absolute Reality, or Void.
In the present study the ways by which Tao-poets achieve Void and the kind of vision they acquire thereby are revealed. A starting point for arguments are the works of Sekun Tu ("Categories of poems") and Wan Wey (poems and "Secrets of painting").
On the basis of these works it is shown that the main paths which Tao-poet has to pass in order to achieve Void correspond to the main principles of Buddhist school Hwayen ("One is in One", "One is in everything", "Everything is in one", "Everything is in everything"), the main principle of Mahayana Buddhism ("Void is form; form is Void") and to some basic Taoist principles as well. These paths (which coincide in their essence) are:

  1. Achieving Void in the poet's hearth
  2. Achieving Void in the hearth of the world
  3. Achieving Void in the multiplicity of the world
  4. Achievement of Tao-words (no-words, void words). No-words are not only the way of expressing the Absolute Reality, but also its own "sounding without sounding"
It is revealed that on the basis of these achievements the Tao-poet acquires a new vision of reality, the so called "polar vision" (expression belongs to Alan Watts) or vision of relativity. According to this vision everything is considered in oneness with its opposition, as a process within a greater Process of mutual arising and transformation.

Angela Schottenhammer: Gräber der Oberschicht im Alten China: Das Grab des Wang Chuzhi (863-923)
In der Grabkultur und den Totenritualen kommt eine uralte chinesische Tradition zum Tragen, der Ahnenkult, der sich in verschiedenen Formen bis ins 20. Jh. gehalten hat. Wie wir Ritualtexten und archäologischen Ausgrabungen entnehmen können, spielte er eine wichtige Rolle im Leben der chinesischen Oberschicht. Bei der Pflege des Ahnenkultes blieb es allerdings nicht bei einem rein religiösen Brauch, den man je nach persönlicher Vorliebe pflegen konnte oder nicht. Vielmehr wurde er in die offizielle Staatsmoral überführt, i.e. in die staatstragende Ideologie eingebunden. Man dachte sich die Herrschaft auf Erden als Ausdruck einer übernatürlichen, himmlischen Ordnung, die mit einem großen Urahn begonnen hatte, dessen Tradition es fortzusetzen galt. Diese Urahnen, in deren Tradition man sich sah, waren die Rechtfertigung für die Herrschaft der eigenen Sippe, und es galt, sie gebührend zu verehren. Auch der ideale Herrscher sollte sich bei aller Realpolitik in der Tradition seiner Urahnen und eingebunden in die kosmische Ordnung sehen und sich auch praktisch entsprechend verhalten.
Gleichzeitig belegen die philosophischen Schriften und die Gräber und Grabbeigaben, daß man das Jenseits als ein Leben nach dem Tod an das Diesseits gebunden sah, und nicht als eine vom Diesseits völlig getrennte Welt betrachtete. Da der tote Körper durch die ihm innewohnende Seele noch Lebensenergie (qi) besitzt, kann er auf die Lebenden eine magische Wirkung ausüben und seine Lebensenergie weitergeben. Wichtiger Bestandteil des Ahnenkultes war daher die Vorstellung, daß die Seelen der Verstorbenen Einfluß auf die Nachkommen im Diesseits hatten, weshalb die Nachkommen auch für eine entsprechend angenehme Ruhestätte und Opfergaben sorgen mußten. Andernfalls konnten die Seelen der Ahnen Unheil über die Nachkommen bringen. Die Furcht vor dem Einwirken der Körper- und Geistseele auf die Lebenden hatte, beginnend mit dem 4. Jh. v. Chr. dazu geführt, daß man das Grab als Wohnhaus der Seelen nicht mehr mit Ritual-, sondern mit Alltagsgegenständen einrichtete. Auch die Anlage der Gräber begann sich allmählich zu verändern. Bis zur Han-Zeit (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) entwickelten sich große unterirdische Grabanlagen mit mehreren Kammern und einer langen Zugangsrampe, die den Bedürfnissen der Seele des Verstorbenen entsprechend als domus aeterna angelegt und ausgestattet waren. Alles sollte ihr zur Verfügung stehen, so wie der Verstorbene es zu Lebzeiten gewohnt war. Es entstand innerhalb der Eliten sogar eine regelrechte Konkurrenz um die Aufwendigkeit der Begräbnisse, die man sich natürlich leisten können mußte und die den eigenen Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod entsprachen.
Ähnlich groß angelegte Grabanlagen waren auch in der Tang-Zeit (618-906) üblich. Eine kostspielige, extravagante Grabanlage als Kopie der eigenen Residenz, wie man sie zu Lebzeiten bewohnt hatte, kam den Bedürfnissen einer sozialen Elite entgegen, die ihren Luxus und Reichtum zu Lebzeiten und im Jenseits zur Schau stellen wollte und sich in ihrer Abstammung auf eine lange Genealogie und eine möglichst herausragende Stellung ihrer Ahnen berief. Diese traditionsreiche Ahnenreihe galt es fortzuführen. Die tangzeitliche Elite definierte ihre zu Lebzeiten besessene hohe gesellschaftliche Stellung im wesentlichen über ihren ererbten hohen sozialen Status. Es handelte sich um einflußreiche Familienclans und Aristokraten mit einer langen Genealogie, die, wie beispielsweise den Grabinschriften immer wieder zu entnehmen ist, möglichst weit bis in das hohe Altertum zurückzuverfolgen sein sollte. Die hohe, soziale Stellung des Verstorbenen mit all seinem Luxus und Reichtum galt als entscheidend nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach dem Tod. Entsprechende Darstellungen fanden daher auch in der Grabarchitektur ihren Ausdruck. Ferner gab man den Verstorbenen zahlreiche Luxusgegenstände als Beigaben mit ins Grab. Die Grabinschriften beschrieben die Erfolge des Verstorbenen im Diesseits.
Das Grab des Wang Chuzhi (863-923), eines hohen Militärgouverneurs in der Zeit der politischen Wirren der ausklingenden Tang-Dynastie (618-906) und dem Beginn des Zeitalters der sogenannten Fünf Dynastien (906-960), wurde 1980 in der heutigen Provinz Hebei im Kreis Quyangxian entdeckt. In der Nähe des Grabes befand sich auch die spätere songzeitliche Dingyao-Brennerei. Das Grab wurde in ein geographisch und geomantisch als günstig betrachtetes Gebiet gebaut. Es ist in drei Himmelsrichtungen von Berghügeln umgeben. Zwar wurde das Grab 1994 ausgeraubt, so daß wir nicht viel über die Grabbeigaben wissen, es ist aber wegen seiner Wandmalereien und Reliefs dennoch von großem historischen Wert. Von besonderem Interesse sind die Darstellungen einer Gruppe von Dienerinnen sowie ein Damenorchester, bestehend aus insgesamt fünfzehn Personen. Die Darstellung des Orchesters gibt nicht nur Aufschluß darüber, welche Instrumente in den Kreisen der Oberschicht damals gespielt wurden, sondern zeugt auch von hohem künstlerischen Niveau.