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Ansprachen während der Eröffnungsveranstaltung am 26. März: Orientalistik zwischen Philologie und Sozialwissenschaft Prof. Dr. Bert G. Fragner
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Zu der Ansprache von Prof. Dr. Klaus Kreiser, Koordinator des Orientalistentags Zu der Ansprache von Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert, Rektor der Universität Bamberg | |
Liebe Orientalistinen und Orientalisten, liebe Gäste, liebe Freunde!Manche unter Ihnen mögen jetzt denken: "Schon wieder ein Bamberger! Nach den Bamberger Organisatoren und Gastgebern ist auch noch der Erste Vorsitzende der DMG aus Bamberg!"
Ich darf Sie beruhigen: Sie alle, die Teilnehmenden an diesem Orientalistentag, etwa 700 an der Zahl, werden in diesen Tagen Bamberg dominieren, nicht umgekehrt! Ich bitte Sie jetzt aber darum, mir in einigen Punkten Ihr Gehör zu schenken, die die Zukunft unserer Fächer in der nächsten Zeit betreffen werden.
In den Neunziger Jahren ist es wohl auch schon in die entlegensten Gelehrtenstuben vorgedrungen, dass sich in Deutschland ein umfassender Klimawandel über den Universitäten zusammengebraut hat. Ursprünglich mochte es noch als ein mediales Ereignis erschienen sein: Nach der Ärzte-, Manager- und Beamtenschelte - ich erinnere mich noch an die griffige Schlagzeile von den "Nieten im Nadelstreif" - geisterte die Politikerschelte allenthalben durch Gazetten, Funk und Television, begleitet von Schlagwörtern wie "Parteien- oder Politikmüdigkeit" und derlei mehr.
Nicht Wenige dachten eher als ein Ablenkungsmanöver, das die so genannte "politische Klasse" aus der medialen Schusslinie bringen sollte, als Schlagwörter wie "faule Professoren" oder "verrottete Universitäten" auf den Titelseiten aufleuchteten. Bizarre Geschichten von studentenvertreibenden Professoren, die bis dahin eher intern, unter der Hand und anekdotenhaft kolportiert wurden, konnten nunmehr in den Montagsjournalen nachgelesen werden, und alsbald nahmen sich auch allerlei Fernsehsendungen professorales Fehlverhalten vor. Im Gegensatz zum öffentlichen Ärzte- und Politikermobbing ließ das allgemeine Jammern über die schrecklichen Universitäten Deutschlands, denen der angebliche Sexappeal analoger amerikanischer Einrichtungen so ganz und gar abgehe, nicht nach. Er entfaltete im Laufe der Jahre immer neue Facetten.
Schließlich verstanden wir, dass sich hier ein längerfristiges Phänomen abbildete. Bei gleichzeitiger Finanzierungsverknappung sollten sich die Universitäten strukturellen Veränderungen unterwerfen. Die Vielfalt der Kritik mochte nicht gleich erkennen lassen, worum es im Einzelnen ging. Spätestens als sich einige Journale mit Universitäts-"Rankings" der Öffentlichkeit präsentierten, sollten aber auch in orientalistischen Köpfen Alarmsignale aufgeheult haben: Unsere Fächer, die Wissenschaften von der Erforschung zeitlich und räumlich distanzierter Gesellschaften, ihrer Sprachen und Kulturen, kamen in diesen Rankings nicht vor.
Während vor allem die Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften die Kriterien für die Universitätsvergleiche lieferten, blieben die Geisteswissenschaften lange Zeit vor dem Tor stehen. Als dann endlich einmal ein internationales Ranking auch mit humanwissenschaftlichen Fächern angekündigt wurde, ging es darin hauptsächlich um Vergleiche der Betreibung jeweiliger Nationalphilologien in diversen europäischen Ländern. Wir kamen dabei wieder nicht vor!
Erlauben Sie mir einen Rückblick: Unter Vorzeichen der gesellschaftlichen Utopie wurde noch in den Siebziger Jahren - unter der Dominanz der so genannten "new left", meinetwegen auch der "Achtundsechziger" - der laute Ruf nach der Bestimmung der "Gesellschaftlichen Relevanz" wissenschaftlichen Tuns erhoben - oft schrill und beileibe nicht für alle angemehm. Immerhin waren den damaligen Kritikern die Geisteswissenschaften noch am Herzen gelegen. Sie wollten sie reformieren, aber nicht abschaffen. Demgegenüber hielten dazumal konservative Stimmen noch Freiheit und Wertfreiheit der Wissenschaften hoch, eben jenen "Elfenbeinernen Turm", gegen den Kritiker aus der linken Ecke angegangen waren.
Vor zirka zwanzig Jahren wurde diese Forderung nach "Gesellschaftlicher Relevanz" stillschweigend umgedeutet: Aus nunmehr konservativer Seite wurde der Basisnutzen geisteswissenschaftlichen Tuns zunehmend angezweifelt. Es bürgerte sich ein, die "Gesellschaftliche Relevanz" nicht mehr links-utopisch, sondern pragmatisch und vor allem wirtschaftlich zu definieren. Der Elfenbeinerne Turm wurde beileibe nicht abgerissen, aber seltsame Gesellen wie Orientforscher etc. wurden aus ihm ausquartiert und an periphere Standorte gebracht, während besagter Elfenbeinturm gestylt, zum postmodernen Loft ausgebaut und von Armani-, Gucci- und Prada-bestückten Repräsentanten des "real life" bezogen wurde, von "start-ups", Gründern, Analysten, Informatikern und "new-economy"-Leuten. So stellen wir uns das wenigstens manchmal vor, wenn wir hilflos - aber nicht neidlos - zusehen müssen, wie opulent Angehörige der im Trend liegenden Fächer materiell versorgt werden, und wie sehr sie sich heute in der Lage sehen, als die "beautiful people" der Wissenschaft aufzutreten!
Tatsächlich hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten der traditionelle Bildungskanon verändert. Der generationenlangen, konsensualen Überzeugung, dass sich die Gesellschaft - der Staat - als Kulturträger den Erhalt von abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit stehenden Wissenschaftsdisziplinen auf jeden Fall leisten werde, entzieht sich heute der Boden. Fragen nach dem Nutzen und der Erfordernis des Weiterbestehens solcher Fächer werden mehr und mehr nicht von Wissenschaftsphilosophen und Intellektuellen, sondern von Landtagsabgeordneten und Finanzministern gestellt, und Letztere setzen sich schon dann und wann gegenüber den Wissenschaftsministern durch...
Im vergangenen Spätsommer ventilierte in Österreich der dortige schneidige Finanzminister vor der Medienöffentlichkeit explizit die Frage, ob es wirklich erforderlich sei, dass an den Hochschulen seines Landes so etwas - gemeint war Überflüssiges - wie "Orientalistik" betrieben werden müsse. Vorerst scheint die in solchen Worten drohende Gefahr gebannt zu sein, aber wir sind vor der jederzeitigen Wiederkehr von derlei Anfeindungen nicht gefeit - und: Wir haben kaum Verteidigungsmittel für den Ernstfall zu Gebote!
In dem inzwischen angebrochenen Jahrzehnt werden an deutschen Universitäten nicht wenige Professorenstellen für orientalistische Fächer frei werden - wer kann schon sicher sein, dass sie wieder besetzt werden? Dass sie nicht herabgestuft, umgewidmet oder anderswie transformiert werden?
Gerade vor diesem Hintergrund bleibt es uns nicht erspart, wieder einmal kritische Fragen nach unserem eigenen Tun zu erheben, unsere "Standorte" zu bestimmen bzw. sie erneut in Erinnerung zu rufen. Und wir sind aufgerufen, das so öffentlich wie möglich zu tun! Denn auch unsere Forschungsgegenstände haben wir nicht in Dauerpacht übernommen. Wer das glaubt, mag plötzlich davon überrascht sein, wenn das Pachtverhältnis sich als Leibrente herausstellt und die bisher eigenen Forschungsthemen auf einmal von anderen Disziplinen - etwa Geographie, Völkerkunde, Politik- und Religionswissnschaften, Soziologie und vielen anderen - übernommen werden...
Vor zwei oder drei Generationen war der Anspruch der Orientalisten, Kraft ihrer philologischen Fähigkeiten exklusiv für die Erkenntnis, Interpretation und Vermittlung zuständig zu sein, gesellschaftlich anerkannt und garantiert. In diesem Bewusstsein verwalteten wir Generationen hindurch das Exotische, Außergewöhnliche und Fremde und konnten uns dank unserer bisweilen zu höchsten Höhen der Kunst zugespitzten philologischen Kenntnisse auch der allgemeinen Wertschätzung sicher sein. Fragen nach jeweils zeitgenössischen, gegenwärtigen Verhältnissen setzten wir oft erfolgreich den höherrangigen Wert des Alten, des Historischen, des Klassischen entgegen und waren uns der Akzeptanz derartiger Thesen sicher - wenngleich es auch immer schon gegenwartsorientierte Orientalisten gegeben hatte!
Seit den Sechziger Jahren sind aber zunehmend Fragen an die Orientalisten gerichtet worden, die diese nicht immer zur Zufriedenheit der Fragesteller beantworteten. Den Blick auf Klassisches gerichtet, reichte es irgendwann nicht mehr aus, Fragen, die sich aus der fortgesetzt anwachsenden, aktuellen weltpolitischen Brisanz der Länder "unserer" Regionen mit dem Verweis auf unsere Zuständigkeit für "das Klassische" und auf die Priorität des Antiquarischen gegenüber der Banalität des Aktuellen zu beantworten. Ich erinnere mich noch daran, wie die Bitten der Öffentlichkeit um Aufklärung über die Entwicklung Ägyptens jener Zeit, etwa den Suez-Krieg und seine Folgen oder Nassers "Arabischen Nationalismus", mit Belehrungen über die arabistisch korrekte Intonation des Namens dieses Politikers beantwortet wurden.
Mit Staunen und Skepsis hatten wir damals den schnellen Aufstieg und die sozialwissenschaftlichew Orientierung mehrerer Orientwissenschaften im Nachkriegs-Amerika verfolgt und Hinweise darauf gefunden, dass das eine oder andere Element dieser Entwicklung sich auch im westlichen Europa einzunisten begann. Kritische Momente der Neuen Linken waren besonders stark auf Fragen der so genannten "Dritten Welt" konzentriert, und als Antwort auf all das begannen schließlich Gelehrte aus einer Reihe von näheren und ferneren Nachbardisziplinen, sich Agenden aus den bis dahin abgesteckten "claims" der orientalistischen Fächer anzueignen und ihre eigenen Methoden, Theoriebildungen und Forschungskulturen darauf anzuwenden.
Nachdem Wolf Lepenies das oft zitierte Diktum verkündet hatte, die Sozialwissenschaften hätten die Philosophie als "Leitwissenschaft der Geisteswissenschaften" abgelöst, stand endgültig die Herausforderung durch das Sozialwissenschaftliche vor unseren Toren. Nicht wenige damalige Studenten und jüngere Wissenschaftler in der Orientalistik sahen sich durchaus angesprochen. Eine bis heute andauernde Auseinandersetzung innerhalb unserer Fächer nahm ihren Anfang.
Was ich hier skizziert habe, war die Vorgeschichte des Mottos, das die Veranstalter dem 28. Deutschen Orientalistentag vorangestellt haben: "Orientalistik zwischen Philologie und Sozialwissenschaften". Erlauben Sie mir eine kurze Bestandsaufnahme dieses Themas aus den letzten fünfundzwanzig Jahren.
Eine der frühesten und lauten Forderungen, die innerhalb orientalistischer Fächer unter dem Einfluss sozialwissenschaftlicher Fragestellungen erhoben worden waren, war die nach "Gegenwartsbezug". Obwohl immer schon betrieben, stellte dieser "Gegenwartsbezug" eine besondere Herausforderung dar. Die Gründung des Orientinstituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut unter Hans Robert Roemer hat hier im Bereich der Erforschung des Vorderen Orients Anstöße schon Anfang der Sechziger Jahre gegeben. Es ist kein Zufall, dass zwei auf ihn folgende Direktoren, Fritz Steppat (Berlin) und Stefan Wild (Bonn) in den Siebziger Jahren zu dene nachgerade typischen Vertretern der Gegenwartsbezogenen Orientforschung in Deutschland gezählt wurden. Der Umstand, dass mit diesem Institut zum ersten Mal in der deutschen Wissenschaftsgeschichte jungen Nachwuchsorientalisten systematisch die Chance zu einem längeren Arbeitsaufenthalt im studierten Areal angeboten wurde, hat über die Begünstigten hinaus einen noch nicht ausreichend gewürdigten Einfluss auf die deutsche Orientalistik ausgeübt, weit über die Grenzen der Islamwissenschaft und nahverwandter Fächer hinaus.
Ernest Gellners süffisanter Spruch, "Orientalisten seien in Büchern, Anthropologen jedoch in Dörfern zu Hause", verlor mir dem Aufblühen des Orient-Instituts der DMG in den Sechziger und Siebziger Jahren seine Berechtigung. Dort formten sich Generationen von Orientalisten, die zu ihren philologischen Qualitäten die von durch Auslandsaufenthalte erfahrenen Arealkennern zufügten, die sich zügig soziologisches, ethnologisches oder politologisches Rüstzeug für die Erschließung neuer Themen aneigneten. Sie mögen mir bitte ersparen, die Namen aller aufzuzählen, die seither als Referentinnen und Referenten und bis heute als renommierte Gelehrte auf dem Gebiet der Orientforschung erfolgreich tätig gewesen sind (das wäre auch sehr verfänglich, denn jemanden zu vergessen wäre so leicht wie gefährlich!). Generationen von orientalistischen Fachleuten für den Vorderen Orient ist auf irgend eine Art und Weise durch das Beiruter Institut, das inzwischen dank aufwendiger Einsätze verdienstvoller Personen sein Pendant in Istanbul gefunden hat, hindurch gespült worden. Die Struktur des Instituts - der beiden Institute - hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert, die Integration von Orientalistischem und Sozialwissenschaftlichem hat weiter zugenommen. Nicht zu vergessen: Das Orient-Institut setzte nolens volens Maßstäbe für den Praxisbezug junger Forscher auch in ganz anderen orientalistischen Fächern!
Probleme der sozialwissenschaftlichen Herausforderung haben die Orientalisten stets beschäftigt, viele gar gequält. Schon am Freiburger Orientalistentag im Jahr 1975 wurde diesem Sachverhalt Rechnung getragen: Den Festvortrag hielt der Erlanger Orientgeograph Eugen Wirth, der aus seiner Sicht das Verhältnis feldforschender Sozialwissenschaftler - im konkreten Fall Humangeographen - zu Orientalisten beschrieb, ein Verhältnis, das damals insbesondere im Epizentrum Tübingen Gestalt angenommen hatte: Dortselbst entstand in interdisziplinärer Zusammenarbeit gerade der "Tübinger Atlas des Vorderen Orients". Eugen Wirth hatte damals versucht, aus der Sicht der Feldarbeit den Nutzen philologisch und kulturkundlich versierter, dann aber auch praxiserprobt sprachkundiger Orientalisten zu umreißen. Nicht wenigen Orientalisten tat es gut, solcherart ihre eigene Nützlichkeit extern bestätigt zu bekommen - aber andere waren es Leid, ihre Rolle nur als - wie gemunkelt wurde - "Wasserträger" sozialwissenschaftlich arbeitender Disziplinen definiert zu wissen. Eugen Wirths Ausführungen waren wesentlich differenzierter, aber die partielle Kritik zeigt, dass es schon damals Orientalisten gab, die durchaus die Lepenies´sche Herausforderung anzunehmen bereit waren!
Zwei Jahre später, am Orientalistentag in Erlangen, hat Udo Steinbach aus seiner Forschungsperspektive den Begriff "Gegenwartsbezogene Orientforschung" beleuchtet und derselben auch eine "historische Dimension" zugesprochen. Gesamtorientalistische Nervosität kam auf, als er diese Dimension (wie gesagt, aus einer spezifischen Perspektive heraus) mit Zeiträumen von gerade einmal "ein paar Jahren" definieren wollte - und das zu einer Zeit, als einer meiner Lehrer den Begriff "Islamische Geschichte" immer noch mit dem Jahr 1258, dem Sturz des abbasidischen Kalifats, beendet wissen wollte!
Nun darf aber nicht vergessen werden, dass Gelehrte orientalistischer Fächer auch Anderes zu tun haben, als Forderungen, sich dem Primat sozialwissenschaftlichen Tuns zu unterwerfen, nachzukommen. Vor allem der "Gegenwartsbezug" erwies sich nicht schlechthin als der Königsweg zur Modernisierung orientalistischer Fächer. Erstens war der "Gegenwartsbezug" keineswegs neu in der Orientalistik. Eher ging es darum, innerorientalistische Diskurse methodisch und theoretisch für Fragen zu öffnen, die aus den korrespondierenden Großfächern heraus formuliert wurden. Hier bot der "cultural turn" der Sozialwissenschaften interessante Ansätze: Nun war es nicht mehr primär der "Gegenwartsbezug", an dem die Transformationen der Orientalistik abzulesen waren, was ja nicht wenige Gelehrte in unseren Fächern durchaus zu Recht irritiert oder gar frustriert hatte.
Mit den "kulturwissenschaftlichen" Themen waren in der Orientalistik Altertumswissenschaftler, Sprachwissenschaftler, Mediävisten, Literaturwissenschaftler und Kulturanthropologen angesprochen, ihre Forschungsgegenstände nicht mehr zwanghaft zu Gunsten flüchtig-aktueller Themen zurückzustellen. Sie konnten nunmehr vor allem methodisch und theoretisch auf die Herausforderungen der Zeit reagieren. Dieser Entwicklung - verbunden mit der kritischen Rezeption Edward Saids und Michel Foucaults - ist es zu verdanken, dass die Anpassung vieler Aspekte orientalistischer Forschung in den letzten zwei Jahrzehnten immer weniger an der eindimensionalen Latte der Themenstellung gemessen wurde: Die sozialwissenschaftliche Herausforderung betraf nicht mehr das banale Thema "Gegenwartsbezug", sondern die Methoden- und Theoriediskussionen, und alsbald erwiesen sich Fragestellungen, die an Hand von vormodernen oder gar antiken Themen abgearbeitet wurden, als - wenn ich flapsig sagen darf - "moderner" als so manche politik- und wirtschaftsbegleitende Studie, deren Gegenwartsbezug ein Verfallsdatum von nur wenigen Jahren aufwies.
Mediale Kritiker der Orientalistik haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend an diesem Missverständnis abgearbeitet: Mehr und mehr ist es eben dieser zum Schlagwort verkommende "Gegenwarts- und Aktualitätsbezug", der uns gerade in den letzten Jahren immer wieder um die Ohren geschlagen wird.
Für unsere Kritiker aus der Gesellschaft sind es zur Zeit immer weniger die Methoden oder die wissenschaftlichen Ansätze, die für die Öffentlichkeit Prüfsteine für die Arbeit der Orientalisten abgeben. Politisch und medial zügig zu verarbeitende "Infos" werden erwartet, und zwar zu Themen, die gestern noch nicht abzusehen waren, heute aktuell und morgen vergessen sind. Vorige Woche ein "wissenschaftlich" poliertes "feature" über die Buddha-sprengenden Taleban in Afghanistan, schnell etwas über den aktuellen Konflikt zwischen Moslems und Dayaks auf Kalimantan in Indonesien (Pardon: ist seit der Niederschrift dieser Zeilwen schon wieder vergessen!), eine Analyse der Falun-gong-Bewegung in acht Zeilen - das will man von uns, so sollen wir sein! Übrigens: Diese Zeilen wurden vor 14 Tagen geschrieben - urteilen Sie selbst, wie sehr ihre Aktualität schon woeder abgenommen hat!
Es ist nicht an dem, dass die nicht wenigen Kolleginnen und Kollegen, die über derlei Kenntnisse verfügen, diese nicht abrufen oder sich gar verweigern sollten! Dennoch: Solcherlei kann für uns nur Nebenprodukt sein, das ist nicht die Substanz unserer Wissenschaftenn - wir würden ansonsten längerfristig gerade das aufgeben, was unsere Stärke ist und was den Bestand unserer Disziplinen rechtfertigt: In weiterer Intensivierung unserer philologischen Kompetenzen und permanenter Rezeption geistes- und kulturwissenschaftlicher Debatten und Entwicklungen uns der kognitiven Annäherung an gesellschaftliche, kulturelle und historische Wirklichkeiten und deren Konstruktionen zu verschreiben - in engem Kontakt und Austausch mit den entsprechenden Gelehrten in denjenigen Arealen und Regionen, die wir als unsere Arbeitsschwerpunkte definiert haben. Die Integration von Philologie und Arealwissenschaft schreitet voran. Das führt auch zu internen Prozessen der Veränderung innerhalb der Orientalistik, unter anderem zu durchaus heftigen Streitgesprächen und Debatten, deren Stil vielen bei uns noch wenig vertraut sein mögen - ich sage: "noch".
Das Motto dieses Orientalistentages "Orientalistik zwischen Philologie und Sozialwissenschaft" referiert also nicht einen Zustand momentaner, punktueller Herausforderung, sondern umreißt eine permanente definitorische Standortbeschreibung der orientalistischen Fächer. Und selbst der Umstand, dass auf diesem DOT themen- und methodenorientierte Panels auf Kosten der disziplinorientierten Sektionen an Terrain gewonnen haben, mögen wir als Ausdruck des momnetanen Zustandes beruhigt zur Kenntnis nehmen.
Wehren wir uns aber auch dagegen, dass unseren Fächern mit Blick inhaltlich von Außen her Reduktionen aufgezwungen werden. Es geht nicht an, dass von uns nur noch Kurzzeitexpertisen erwartet werden, die bloß von unübersichtlichen Ereignissen und Moden ausgelöst sind. Lassen wir aber auch nicht zu, dass man uns ausschließlich für Antiquarisches und Vergangenes zuständig macht! Beides führt zu Einschränkungen unserer Kompetenzen, und dazu sind wir einfach zu gut! Unsere heutigen Nachwuchswissenschaftler sind exzellent - ich will ja meine Altersgenossen nicht verärgern oder gar kränken, aber als Gelehrtengeneration betrachtet sind unsere Jüngeren vielleicht für eine geraume Vergleichszeit insgesamt besonders hochwertig! Niemand hat das Recht, unsere Nachwuchswissenschaftlerinnen (verblüffend viele Frauen sind unter ihnen) und Nachwuchswissenschaftler einzuengen, indem sie auf nur Altes oder nur Gegenwärtiges festzulegen wären. Für die Erhaltung dieser Offenheit in alle Richtungen und für ihre Ausweitung haben wir uns einzusetzen.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen Gewinn bringenden 28. Deutschen Orientalistentag!