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Ansprachen während der Eröffnungsveranstaltung am 26. März: Kleine Fächer an kleinen Universitäten im Wettbewerb Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert
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Zu der Ansprache von Prof. Dr. Bert G. Fragner, Erster Vorsitzender der DMG Zu der Ansprache von Prof. Dr. Klaus Kreiser, Koordinator des Orientalistentags |
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Im Namen der Hochschulleitung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg darf ich Sie sehr herzlich als Rektor der gastgebenden Institution zur Eröffnung des 28. Deutschen Orientalistentages begrüßen. Diese Institution gehört zu denen, über die das Wall Street Journal vor genau vier Wochen titelte: "German universities struggle to recover their past glories" und auch der Untertitel war nicht freundlicher: "Land of poets and thinkers is now a land of dropouts". Sah man genauer hin, stand dort die Klage über das Fehlen begabungsadäquater Zulassungsverfahren, über die falsche Forschungsorientierung vieler Universitätsstudiengänge, die geringe und wenig persönliche Betreuung durch die Dozenten und zuviel Bürokratie im Blickpunkt. Sah man noch genauer hin, stellte man fest, dass die Verfasser einmal mehr, höchstens durch die großen Distanz der geographischen Relationen entschuldbar, im kleinen Deutschland die inneren Differenzierungen vermissen ließen und die Hauptstadt für das Ganze gehalten oder genauer: Die Humboldt-Universität in Berlin mit all ihren verständlichen Problemen für das Paradigma einer deutschen Universität gewählt haben. Jedem, der die deutschen Verhältnisse besser kennt, erscheint dies abstrus, dennoch gibt es im Lande im Grunde ähnliche Sichtweisen, etwa wenn man meint, die Universitäten unterschiedslos einem freien, ungezügelten Wettbewerb aussetzen zu müssen. Ein Wettbewerb um die fähigsten Köpfe kann sehr spannend werden, es kommt allerdings auf die Start- und Wettbewerbsbedingungen an. Neudeutsch: Das Benchmarking darf nicht einseitig auf Größe setzen und gewachsene Fächerstrukturen und -kulturen ignorieren.
Die Universität Bamberg ist eine Universität mit relativ vielen sogen. kleinen Fächern. Das ist eine Folge der Gründungs- und Wiedergründungsgeschichte, denn Bamberg ist eine der ältesten und zugleich die jüngste Universität in Bayern und steht daher im aktuellen Prozess der Hochschulreformen in einer besonderen Weise da.
Am 13. November 1647 stellte der damalige Fürstbischof Melchior Otto Voit von Salzburg die Stiftungsurkunde für eine akademische Lehranstalt aus, die sich in der Folge bis zu einer Volluniversität mit den vier klassischen Fakultäten Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaften und Medizin entwickelte. Nach dem Einschnitt, den die neue Landesherrschaft Bayern 1803 vornahm, kam es erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Wiedergründung der Universität mit einer Schwerpunktsetzung in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Es bedurfte bereits einiger politischer Auseinandersetzung, um dieses Fächerspektrum um die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften auszuweiten. Als Vertretern sogen. kleiner Fächer muss ich Ihnen vermutlich nicht ausbreiten, was ein solches Fächerspektrum (noch dazu in Zeiten knappen Geldes) in finanzieller Hinsicht bedeutet.
Nicht zuletzt als enorme Kostenfaktoren sind die Universitäten in einen öffentlichen Druck gekommen, weil man ihnen heute unbefangen die Frage stellt: Sind sie ihr Geld wert? Der Gegenwind wird so schnell schärfer und in der öffentlichen wie veröffentlichten Meinung scheint die deutsche Universität heute in einer Misere zu stecken. Ob das nun stimmt oder ob die eigentliche Misere vielmehr darin besteht, dass die Realität der Misere in der Rede von ihr besteht, in beiden Fällen bringen uns weder Klagen, noch erst recht Schuldzuweisungen weiter, sondern nur neue Formen der Kooperation und öffentlichen Präsentation. Hier werden wir - kleine Universitäten wie kleine Fächer - neue Wege gehen müssen.
Verstehen Sie mich recht, ich will weder grundsätzlich eine Reformbedürftigkeit verneinen - nicht nur die ecclesia, auch die universitas ist eine semper reformanda - aber bei allen Reformbemühungen, Praxis- und Berufsbezügen dürfen wir eines nicht vergessen, das wir als Universitätsrektoren m.E. zu einem ceterum censeo in unseren Reden machen müssen: Universitäten haben noch andere Aufgaben als kurzfristig veränderbare und rein fachlich orientierte Ausbildung sicherzustellen. Universitäten in der Konsequenz - überspitzt formuliert - zu besseren Berufsfachschulen verkommen zu lassen, wäre auch volkswirtschaftlich höchst unrentabel und letztlich gefährlich. Es macht den Erfolg und den Charme des Bildungssystems aus, nicht nachzurechnen, wie groß etwa der volkswirtschaftliche Nutzen der Arabistik, der islamischen Kunstgeschichte oder der tatschikischen Philologie ist. Besonders die Wissenschaftsdisziplinen der Geistes-, Kultur-, und Sozialwissenschaften haben zur Zeit ein hartes Brot zu beißen. Im Vergleich zu Natur- und Technikwissenschaften, aber auch zu den Wirtschaftswissenschaften fehlt es ihnen an einer eben so großen und überzeugenden gesellschaftlich kommunizierten Einsicht in ihren Sinn und Nutzen. Hier und nur hier müssen wir uns den Vorwurf des Elfenbeinturms mit einer gewissen Berechtigung gefallen lassen.
Es geht in den derzeitigen Diskussionen um die Hochschulen nicht zuletzt um etwas, das nie explizit angesprochen wird: es geht um die Idee der Universität. Da mag man Humboldt für tot halten oder auch nicht, dessen Zentralstellung der Wissenschaft bleibt als Aufgabe; er begriff sie als etwas "noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Auffindbares". Deshalb war Wissenschaft für ihn eine gemeinsame Aufgabe von Lehrenden und Lernenden. Die Einheit von Lehre und Forschung, die Lehre aus der Forschung und die Freiheit beider waren die Eckpunkte seiner Konzeption und die Grundlage dafür, dass die Universitäten "zentrale Instanz im geistigen Haushalt der Nation" sein konnten, wie Thomas Nipperdey befand, allerdings über die Universität vor etwa 100 Jahren. Vergessen wir aber nicht, zu Humboldts Zeiten gab es zwischen Kiel und Landshut 6.000 studiosi, heute haben unsere Fachhochschulen und Universitäten etwa 2 Millionen Studentinnen und Studenten (man könnte fast zynisch formulieren:) abzuwickeln.
Ich gehöre dabei nicht zu denen, die die Fachhochschulen abwerten; m.E. wird erst umgekehrt ein Schuh draus: Aufgabe der Fachhochschulen ist ein rasch umsetzbares Verfügungswissen; das muss gestärkt werden, denn nur so bleiben uns die hinderlichen Massenphänomene der Universitäten erspart. Starke, auf ihre tatsächliche Aufgabe konzentrierte Fachhochschulen bedeuten eine Stärkung der Universitäten.
Deren Anspruch ist auszumachen in einem spezifischen Zielbündel; dazu gehören (ich nenne ohne Anspruch auf Vollständigkeit fünf Punkte):1. Studienangebote forschungsnah anbieten!
Wenn Forschung und Lehre auseinanderfallen, ist wirkliche Nachwuchsförderung für die Wissenschaft in Frage gestellt und damit letztlich auch die Wissenschaft selbst. Forschungsnähe kann dabei sowohl in der Grundlagenforschung wie in der Angewandten Forschung realisiert werden, die Trennung ist in vielen Bereichen ohnehin künstlich und wenig zielführend. Eine Folge der anders laufenden Entwicklung erleben wir bereits, wenn wir konstatieren müssen, dass die Studienmotivation zunehmend weniger im Bereich Forschung liegt. Ein probater Weg für kleine Universitäten wird daher die Entwicklung von Studienangeboten aus den Forschungskontakten sein. Ansätze dazu haben wir mit dem Diplomstudiengang Europäische Wirtschaft als besser nachgefragte Alternative zu den klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen oder in einem geplanten postgradualen Studiengang interdisziplinäre Mittelalterstudien aus dem Forschungsverbund unseres Zentrums für Mittelalterstudien.
2. Forschung interdisziplinär und international ausrichten!
Wettbewerbsfähige Forschung ist heute zunehmend interdisziplinär und stellt sich den internationalen Standards und Kommunikationsstrukturen. Wichtige Zukunftsaufgaben der Forschung liegen im Bereich komplexer Systeme, die wiederum kann nicht eine Wissenschaftsdisziplin allein erforschen. Dazu bedarf es auch eines weiteren Kontaktes und Verbundes als den der klassischen Fakultäten. Für kleine Universitäten gilt es hier neue Einheiten zu schaffen diesseits und jenseits der Fakultäten, in der Wirtschaft nennt man solche Einheiten Kompetenzzentren, im anglophonen Bereich centers of excellence, wir sprechen von Zentren, die wir als Querschnittstruktur in den kommenden Jahren konsequent ausbauen werden.
3. Internationalität realisieren!
Der Anspruch der Universalität des Forschens und Wissens lässt sich nicht an nationalen Grenzen abschotten. Kleine Universitäten haben hier den Nachteil, nicht gerade in den bekannten und unter Ausländern gesuchten Metropolen der Welt zu liegen. Sie haben aber auch Vorteile; in den letzten acht Jahren konnten wir entgegen dem bundesrepublikanischen Trend den Anteil der sogen. Bildungsausländer in absoluten Zahlen mehr als verdoppeln. Beim Anteil der Studierenden, die einen Teil ihres Studiums im Ausland absolvieren, liegen wir mit 22-25% national auf einem Spitzenplatz; sicher unter den ersten fünf, eher unter den ersten drei Universitäten in Deutschland. Das schaffen Sie aber nur an einer kleinen Universität! Stellen Sie sich einmal vor, die Universitäten Hamburg, Köln oder München wollten ein Viertel ihrer Studierenden zeitweise ins Ausland schicken, ohne Verdrei- bis Vervierfachung des Personals in Auslandsamt und Studierendensekretariat wäre das unmöglich.
4. Kontakt zum wissenschaftlichen Nachwuchs intensivieren!
Diese Aufgabenstellung setzt schon vor dem ersten Semester an. Mindestens so wichtig wie die politisch verordnete Kooperation mit der Wirtschaft scheint mir die Kooperation mit unseren Schulen zu sein. Informationen müssen früher gegeben werden. Ich bin überzeugt, dass hier mehr gegen dropouts getan werden kann als mit jeder neuen Studienordnung. Das differenzierte deutsche Bildungswesen hat die faktische borderline-Mentalität nicht verdient. Innerhalb des Studiums ist das Massenfach das krasse Gegenteil von nachwuchsfördernden Strukturen. In der politisch verordneten Hochschulreform hält man uns ständig angelsächsische Vorbilder entgegen; aber nicht erst bei deren Betreuungsrelation von 1:8, sondern schon bei 1:20 kann man hierzulande den polemischen Vergleich hören, die Betreuungsrelation sei günstiger als in der Kinderkrippe für Schwerstbehinderte. Solche Vergleiche sind kein Zufall, schon gar nicht in Zeiten knapper Kassen.
5. Ressourcen sichern!
Das alles kostet! Wenn die staatlichen Mittel nicht mehr wie gewohnt fließen, müssen die Ressourcen von den Universitäten selber akquiriert werden. Das geschieht nicht nur über Drittmittel, in deren Einwerbung kleine Fächer wesentlich erfolgreicher sind, als allgemein angenommen, sondern auch in neuen Formen der Vermarktung des Wissens, wie auch gegebenenfalls durch die Aufgabe von Fächern und Studiengängen zur Stärkung der Stärken, nicht der Größen. Den Weg zu gehen, kleine Fächer zu annektieren, mag dabei zwar bequemer sein, trägt aber weniger zur Profilierung bei und macht die Universitäten damit auch gesichtsloser. Gerade für kleine Universitäten ist dieser Weg sicher nicht der Königsweg, eher schon der Holzweg, der sich gegen die breit angelegten Rennstrecken der Massenstudienfächer an großen Universitäten immer noch als wenig attraktiv ausweisen wird. Auch hier gilt wie im richtigen Leben: Die dicken Klunker sind relativ uninteressant, ein Juwel ist klein und hochkarätig.
Ich denke jeder Satz, mit dem ich jetzt versuchen würde, zu verdeutlichen, wie sehr gerade kleine Fächer hier Chancen haben und faktisch bereits Vorreiter sind, ist in diesem Kreise überflüssig.Lassen Sie mich zum Anfang zurückkommen: Stellen wir uns dem politisch verordneten Wettbewerb zwischen den Universitäten, kann und wird das nicht funktionieren, wenn wir als kleine Universität im Verhältnis zu den großen Universitäten - und das gilt mutatis mutandis auch im Vergleich der sogen. kleinen Fächer mit den sogen. großen - in der Rolle des Tante-Emma-Ladens gegen die ALDI-Kette antreten; das Ergebnis kennen wir bereits. Ganz anders sieht es aus, wenn wir uns konzentrieren auf das, was die Branchenriesen nicht können, d.h. nicht ALDI im Kleinen, sondern den Feinkostladen für unsere Kunden bieten, mit individueller Bedienung und Spitzenprodukten statt des Herumirrens im Angebot der Massenware. Um das zu erreichen, bedarf es noch ein wenig Zeit, fein abgestimmter Entwicklungsperspektiven und (notabene!) selbstverständlich angemessener Finanzausstattung. Deshalb bin ich an dieser Stelle allerdings auch skeptisch, wenn ich bei Humboldt lese, dass der Staat immer hinderlich ist und die Sache ohne ihn unendlich besser gehen würde. Ich stimme hier nicht zu, auch aus historischen Gründen, denn in den vergangenen hundert Jahren ist der Staat ein Kulturstaat geworden; andererseits muss der Staat gerade deshalb den Universitäten noch mehr zutrauen und zumuten als bisher: in gesellschaftlicher Verantwortung wahrgenommene Autonomie wird der Dreh- und Angelpunkt von zukunftsträchtigen Zielvereinbarungen zwischen Staat und Universität sein. Dass Wissenschaft Sinn macht und Sinn stiftet in der Gesellschaft, auch wenn er nicht immer und auf den ersten Blick und für jeden erkennbar ist, muss in die Köpfe der Menschen, sonst bleiben wir ausschließlich eine kostspielige Einrichtung. Wenn Universitäten nur als Ausbildungsstätten wahrgenommen werden, haben wir unsere Aufgaben nicht erfüllt. Wir müssen ins öffentliche Bewusstsein die Idee der Universität hineintragen: was Universität sein soll. Hier haben wir, wie man neudeutsch sagt, ein PR- und Marketingproblem: Kleine Fächer wie kleine Universitäten, wir wissen, dass wir erheblich besser und gesellschaftlich wertvoller sind als unser Ruf. In Abwandlung des Wahlspruchs der Berufspolitiker: Gutes tun und darüber reden, müssen wir gut sein und darüber reden. Solche Veranstaltungen der Selbstvergewisserung und Öffentlichkeitspräsentation gehören dazu; um so mehr:
Herzlich willkommen in Bamberg!